Dienstag, 30. November 2010

Think big - Teil 2

Wir haben in Teil 1 dieses Beitrages gesehen, dass es einen unleugbaren Zusammenhang zwischen der Größe der Reisemannschaften und deren Platzierung in Meisterschaften nach einem "x-beste"-Modus gibt. Größere Reisemannschaften besitzen hier einen systematischen Vorteil, so dass eben nicht mehr gewährleistet ist, dass letztendlich der sportlich Bessere gewinnt. System bedingt platziert sich hierbei ein guter Schlag, der zudem eine relativ große Reisemannschaft besitzt, vor dem besseren Schlag mit deutlich kleinerer Reisemannschaft.

Diese Tendenz ist allgemeingültig! Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Platzierungen einer Meisterschaft, insbesondere, wenn wir nur eine kleine Gruppe von Züchtern betrachten (zum Beispiel auf RV-Ebene), dies klar widerspiegeln. Einzelplatzierungen unterliegen der natürlichen Streuung und so gibt es viele sehr gute Schläge, die aufgrund ihrer hervorragenden Reiseleistung verdient auf dem ersten Platz zu finden sind, auch wenn sie eine große Reisemannschaft besitzen. Ihre Platzierungen würden sich auch bei einem anderen Modus nicht verschlechtern würde. Und das ist auch gut so! Denn eine Änderung des Meisterschaftsmodus weg von einem "x-besten"-Modus darf nie das Ziel haben, dass der Beste nun schlechtere Chancen als alle Schlechteren erhält.

Im Gegenteil: Ziel einer Änderung bestehender "x-Beste"-Modi kann und muss es sein, die Meisterschaften statt dessen so zu gestalten, dass tatsächlich der sportlich Beste die größten Chancen erhält, auch ganz oben zu stehen, wobei auch dann immer ein wenig Glück zum Erfolg des Tüchtigen gehört. Erst dann haben wir eine Meisterschaft die in einem möglichst fairen Wettbewerb ausgetragen wird, und bei der Sport gewinnt. Erst dann ist der ganz oben Platzierte auch wirklich ein Meister! Und deshalb sollten an einer Änderung eigentlich alle Freunde dieses Sportes interessiert sein. Die wirklich meisterlichen Schläge brauchen eine Veränderung hier nicht zu fürchten, sie können sich sogar darauf freuen, dass sich alle Wettbewerber zukünftig auf vergleichbarer Augenhöhe begegnen.


Dennoch ist eine Veränderung dieser seit Jahrzehnten in Deutschland gepflegten Meisterschafts-Modi nicht einfach. Die meisten Züchter, auch viele mit kleinen Reisemannschaften, haben sich derart daran gewöhnt, dass sie sich eine Veränderung gar nicht mehr vorstellen können und wollen. Auch ist es so, dass so eine Diskussion innerhalb einer RV, FG oder eines RegV immer mit Kontroversen einhergehen wird. Und auf diese Kontroversen haben viele Züchter einfach keine Lust. Dabei enstammen diese beiden Abwehrreaktionen aus dem Blickwinkel der BESTEHENDEN Züchterschaft und es wird dabei völlig vergessen, dass es heute mehr denn je darum geht, sich auch Gedanken über die Personen zu machen, die ZUKÜNFTIGE Züchter sein könnten.

Halten wir denn wirklich unser Hobby für einen attraktiven und fairen "Sport", obwohl wir, um vorne mitzuspielen, bei einem Winterbestand von 50 oder weniger Tauben nur sehr begrenzte Chancen haben?
Denken wir wirklich, die Aussicht auf Bestandsgrößen jenseits von 100 Tieren habe für viele an unserem Hobby Interessierte keine abschreckende Wirkung?
Denken wir tatsächlich jeder Interessierte habe die Möglichkeit eine Schlaganlage von über 8m Länge in seinem Vorgarten zu platzieren?

Wer sich aktiv gegen eine Veränderung von "x-beste"-Modi stellt, ist aus meiner Sicht im positiven Falle zu träge und zu uninteressiert, um über die Zukunft unseres Sportes nachzudenken. Im negativen Falle, insbesondere wenn er derzeit mit großer Reisemannschaft relativ weit oben in der "x-beste"-Meisterschaft steht, hat er einfach nur ANGST vor dem verschärften Wettbewerb und dem drohenden Verlust liebgewonnener Pfründe. Solche Schläge sind dann jedoch KEINE wahren Meister! Ein wahrer Meister braucht diese Veränderung nicht zu fürchten.


In meiner RV wird die eigentliche RV-Meisterschaft nach dem Modus der RV-Meisterschaft des Verbandes mit acht vor jedem Flug vorzubenennenden Tauben ausgeflogen, ein guter Ansatz. Es existieren jedoch jenseits dieser einen Meisterschaft jedoch immer noch "x-beste"-Modi bei der Jährigen-Meisterschaft, der Weibchen-Meisterschaft, der Jungtauben-Meisterschaften und der früheren RV-Meisterschaft, die heute RV-Pokalmeisterschaft genannt wird. Für manche ist die RV-Pokal-Meisterschaft immer noch die "eigentliche" RV-Meisterschaft. Im Folgenden möchte ich anhand der konkreten Daten aus meiner RV am Beispiel der "5 besten Tauben"-Pokal-Meisterschaft die reale Situation von "x-beste"-Modi auf RV-Ebene und deren Auswirkungen sehr konkret beleuchten.

Die Ergebnisse sind exemplarisch, jedoch ganz sicher nicht nur für diese betrachtete RV gültig. Ich bin mir sicher, dass ähnliche Auswertungen in nahezu jeder Organisation ähnliche Tendenzen ergeben werden. Jeder Leser ist gerne dazu aufgerufen dies zu überprüfen:
Die Abbildung 1 kennen wir bereits aus Teil 1 dieses Blogartikels. Es wurden hierbei aber die Platzierungen ALLER Schläge der Größe ihrer Reisemannschaften gegenüber gestellt und jeder Schlag mit einem Punkt dargestellt (detaillierte Erklärung siehe Teil 1). Die von links oben nach rechts unten abfallende Tendenz dieses Punktehaufens deutet wiederum auf den Zusammenhang hin, dass auch in dieser RV die größeren Schläge sich besser platzieren. Doch VORSICHT! Dies alleine bedeutet noch nicht zwingend, dass man daraus ableiten kann, große Schläge hätten einen systematischen Vorteil. Der Blick in Abbildung 2 verdeutlicht warum:

Wenn wir die Reiseleistung ALLER Schläge im Zusammenhang mit ihrer Größe darstellen, erkennen wir, dass in dieser RV tatsächlich die größeren Schläge tendenziell auch die besseren Reiseleistungen erbringen. Der Trend in Abbildung 2 zeigt deutlich von links unten nach rechts oben und belegt damit diesen Zusammenhang. Somit ist eine Erklärung für die bessere Platzierung vieler der größeren Schläge einfach in ihrer tatsächlich auch besseren sportlichen Leistung zu sehen. Und dies sollte man auch auf keinem Fall übersehen!

Jedoch erinnern wir uns, dass wir bei unseren Betrachtungen in Teil 1 nur die besten 8,4% aller Schläge beleuchtet haben und damit eine in ihrer sportlichen Leistungsfähigkeit vergleichbaren Gruppe. Erst dadurch kann deutlich gezeigt werden, wie sich ein "x-beste"-Modus auswirkt! In den Abbildungen 1 und 2 haben wir jedoch ALLE Schläge der betrachteten RV eingetragen. Es sollte daher nicht überraschen, dass gerade erfolglosere Schläge eventuell auch in Folge der aus der Erfolglosigkeit resultierenden geringeren Motivation  weniger Tauben halten. Zudem beenden einige Schläge die Reise vorzeitig, und belegen damit natürlich einen hinteren Platz. Wollen wir also die Folgen eines "x-beste"-Modus beleuchten, müssen wir uns auch hier zunächst einmal auf vergleichbare Schläge beziehen.

Aus diesem Grunde habe ich in Abbildung 3 alle Schläge mit einer überdurchschnittlichen Reiseleistung (mehr als 40%), die zudem alle stattgefundenen Flügen bestritten haben, betrachtet. Dies waren 11 Schläge von insgesamt 43 Schägen, also grob ein Viertel aller Schläge der RV. Aufgrund des schwierigen Reisejahres 2010 mit zwei Hitzewochenenden und einem sehr schweren 600er Flug existieren noch drei weitere Schläge mit einer Reiseleistung von mehr als 40%, die jedoch zwei oder gar drei Flüge nicht beschickten und somit nicht mit in die Betrachtungen aufgenommen werden konnten:
Wie bereits in Abbildung 2 wurden in Abbildung 3 die Reiseleistungen der Schläge in Relation zu den Größen ihrer Reisemannschaften gesetzt. Und ich muß ehrlich zugeben, dass mich die Eindeutigkeit des Ergebnisses selber überrascht hat. Denn selbst hier, bei Betrachtung von nur diesen 11 Schlägen, also einer sehr kleinen Stichprobe zeigt sich das gleiche Ergenis wie bereits in Teil 1 für die leistungsfähigeren Schläge des Regionalverbandes: Es besteht kein Zusammenhang zwischen Reiseleistung und Größe eienes Schlages. Allerdings ist dies auch ein wenig Zufall, denn bei nur 11 Schlägen hätte es durchaus sein können, dass ein leichter Trend in die eine oder andere Richtung hätte erkennbar sein können. Ein einzelner besonders erfolgreicher und gleichzeitig überaus großer oder überaus kleiner Schlag wirkt sich in so einer kleinen Stichprobe halt stärker aus. Insgesamt ist jedoch auch auf RV-Ebene zu erwarten gewesen, dass kein besonders deutlicher Zusammenhang zwischen Größe und Reiseleistung besteht, solange wir prinzipiell vergleichbare Schläge betrachten.
Wenn wir nun diese 11 Schläge wie in Abbildung 4 entsprechend ihrer Platzierungen  in der 5-beste-Tauben-Meisterschaft eintragen, so erkennen wir hier einen sehr deutlichen Trend. Wiederum sind die Schläge mit größeren Mannschaften deutlich besser platziert. Die Platzierungen dieser 11 Schläge erstrecken sich von Platz 1 bis 14, da sich unter den ersten 14 Plätzen noch zwei große Schläge befinden, die jedoch unterhalb der betrachteten 40% Marke mit ihrer Reiseleistung lagen (an Platz 15 lag zudem ein Schlag, der nur 10 von 12 Flügen beschickte).
In der Tendenz unserer RV versprich eine um ca. 3 Tauben größere Mannschaft eine um einen Platz bessere Platzierung in dieser  5 beste-Tauben RV-.Pokalmeisterschaft.


Die Verhältnisse sind hier also in der Tendenz völlig identisch mit denen der zuvor betrachteten RegV-Meisterschaft: Selbst eigentlich erfolgreiche Schläge belegen in einer "5-beste-Tauben"-Meisterschaft einen Platz der ganz maßgeblich durch ihre Mannschaftsgröße und nicht nur durch ihre Reiseleistung bestimmt wird!



Da ich immer wieder schreibe, dass ein Satzzahl abhängiger Modus diese Situation deutlich verbessert, ist es nun an der Zeit dies auch zu überprüfen. Für die in Teil 1 betrachteten RegV-Meister war mir eine derartige Auswertung aufgrund fehlender Daten leider nicht möglich. Vor etwa 30 Jahren, entsprachen 5 Zähler etwa einem Fünftel der größeren Reisemannschaften. Ein Modus bei dem je 5 Tauben in der Reisemannschaft ein Zähler gewertet wird, erscheint mir also durchaus eine sinnvolle Anforderung.

Ich habe nun also die Platzierung ermittelt, die jeder Schlag belegt hätte, wenn je angefangener 5 gesetzter Tauben eine Taube als Zähler gewertet worden wäre. Die Ergebnisse für die 15 ersten Plätze zeigt Tabelle 1. "Züchter 1" meint in dieser Tabelle den Züchter, der in der "5-beste-Tauben"-Meisterschaft an Platz 1 lag. Die sich aus der unterschiedlichen Zählerzahl ergebenden Preiszahlen für die Zähler wurden der besseren Vergleichbarkeit halber auf 5 Tauben umgerechnet (normiert):


Zunachst fällt auf, dass die ersten drei Meister trotz des anderen Modus unverändert bleiben. Hier haben sich also auch bereits in der "5-beste-Tauben"-Meisterschaft tatsächlich die besten drei Schläge vorne platziert. Insbesondere Züchter 1 zeigte ein derart überragende Leistung, dass er sich immer noch souverän vom Rest distanzieren konnte. Er brachte zwar mit 70 Tieren eine recht große Reisemannschaft auf dem ersten Flug an den Start, doch diese Mannschaft war in ihrer Breite deutlich besser, als die aller anderen Züchter, was sich auch in der höchsten Reiseleistung widerspiegelt.

An dieser Stelle könnten voreilige Kritiker meiner Argumentation anfügen, dass sich also gar nichts geändert habe. Doch nichts wäre falscher als das. Denn auch hier können Einzelergebniisse nicht als Gegenargument für einen übergreifenden Trend herangezogen werden. Wir müssen auch hier eine größere Menge an Schlägen betrachten. Schauen wir die weiteren Platzierungen in Tabelle 1 an, so wird deutlich, dass sich sogar eine ganze Menge getan hat. Als herausragendes Beispiel sei an dieser Stelle auf den "Züchter 14" verwiesen, der um ganze 9 Plätze bis auf Rang 5 gestiegen ist. Er gehörte mit nur 20 Reisetieren zuvor trotz guter Reiseleistung und etwas Glück mit seinen Zählern zu den Schlägen, die unter ihrer kleinen Größe "litten".

Sehr viel deutlicher wird die grundlegende Änderung durch diesen Satzzahl abhängigen Modus jedoch, wenn wir uns noch einmal die eben betrachteten 11 Schläge entsprechend einer Darstellung wie in Abbildung 4 anschauen:
Die Platzierungen erstrecken sich nun nur noch auf die Ränge 1 bis 11, was entsprechend der Auswahl dieser Schläge (größte Reiseleistung, Teilnahme an allen Flügen) auch ihrer realen Leistung, die ja vor dem Rest der RV liegt, entspricht. Zudem sind zwar die ersten drei Plätze identisch geblieben, aber dennoch ist keine eindeutige Tendenz in Richtung besserer Platzierung durch größeren Reisemannschaften mehr zu erkennen. Der Trend verläuft bei dieser Meisterschaft nun waagerecht. Exakt dies sollte erreicht werden: Vergleichbare Chancen für alle!

Dass dennoch die ersten drei Plätze identisch geblieben sind, ist gut so. Es beweist nur, dass diese Schläge wirklich die Besten waren. Eine Modusänderung soll schließlich nicht zum Ziel haben, die wirklich Besten von der Spitze zu "vertreiben". Es zeigt auch, dass wirklich gute Schläge keine Angst vor der Einführung eines gerechteren Satzzahl abhängigen Modus anstelle eines "x-beste"-Modus haben müssen.

Ein weiterer positiver Effekt eines Satzzahl abhängigen Meisterschafts-Modus sollte noch unbedingt erwähnt werden. Zwar domierte in dieser RV ein Schlag den Wettbewerb, jedoch lagen die Schläge auf den Plätzen 2 bis 11 im "x-beste-Modus" 20% auseinander (48 zu 40 Preise für die Zähler). Im neuen Klassement beträgt die Spanne zwischen den Plätzen 2 und 11 nur noch grob 12% (43,4 zu 38,5 Preise für die Zähler).

Das heißt, dass die Spanne zwischen den platzierten Schlägen infolge eines satzzahlabhängigen Modus im Vergleich zu einem "x-beste-Modus"deutlich kleiner wird, und so die Meisterschaft für eine größere Anzahl von Schlägen noch bis zum Schluss offen ist. Schließlich wird der Abstand zwischen den Schlägen nun nur noch durch die wahren Leistungsunterschiede bestimmt und nicht noch zusätzlich durch die Größenunterschiede der Reisemannschaften verstärkt.

In unserem Beispiel sind die Schläge inklusive des Platzes 11 nun auf Schlagdistanz zum zweiten Platz der Meisterschaft. So etwas motiviert dann auch ganz gewiss einige Schläge mehr, als bisher bis zum Ende der Saison durchzusetzen. So hätten beispielsweise "Züchter 15" und Züchter 20 auf den Plätzen 4 und 5 gelegen, als sie sich entschlossen die Reise nach nur 10 Flügen einzustellen. Ob sie dann auf die letzten Flüge ihre Tauben zu hause gelassen hätten, ist mehr als fraglich.

Doch sogar, wenn wir die Platzierungen aller Schläge der RV im rahmen der Satzzahlabhängigen Meisterschaft betrachten, ist dieses "Zusammenrücken" klar erkennbar. In Abbildung 1 ergab sich ein Trend mit einer Steigung von 1,014. Unter dem neuen Meisterschafts-Modus würde sich diese Tendenz auf 0,5062 abmildern, quasi halbieren. Aber da wir hier alle Schläge der RV betrachten, auch die weniger leistungsfähigen,  die in dieser RV wie gesehen auch eher kleinere Reisemannschaften halten (siehe Abbildung 2), liegen nach wie vor viele Schläge mit kleinen Reisemannschaften auf den hinteren Plätzen. Und dies aufgrund ihrer schlechteren sportlichen Leistungen auch recht so. Doch ihr Abstand zur Spitze hat sich reduziert, und es erscheint mir nicht unwahrscheinlich, dass dies motivierend auf die betreffenden Züchter wirken kann.

Entgegen der These, dass die Abschaffung der "x-besten-Modi" schädlich für die RVen sein könnte, da eventuell weniger Tauben gesetzt würden, wäre ihr Effekt positiv für die RVen. Denn da das Teilnehmerfeld näher zusammen rückt, werden weniger Züchter vorzeitig entmutigt das Reisen einstellen. Und es ist die Zahl der Züchter, die letztendlich für die Finanzierung des Transportes wesentlich ist, nicht die Zahl der Tauben! Zudem sind Züchter, die realistisch etwas erreichen können auch zufriedener.

Die Wirkungen einer Umstellung werden sich jedoch kaum spontan vollumfänglich zeigen. Jahrzehntelang geübtes Verhalten ist nicht über Nacht vergessen. Doch wie bereits mehrfach geschrieben,. solche eine Maßnahme darf nicht nur ausschließlich aus dem Blickwinkel der aktuellen Züchterschaft betrachtet werden, sondern auch vor dem Hintergrund wie wir unseren Sport für potentielle Interessenten gestalten wollen.

Sonntag, 28. November 2010

Think big

Wer bereits einmal Maschinen, Haushaltsgeräte oder Autos aus den USA mit Europäsichen Modellen verglichen hat, versteht sehr schnell, warum die von mir gewählte Überschrift (frei übersetzt "denke im großen Maßstab") dieses Blog-Beitrags nur aus Armerika stammen konnte.

Betrachten wir die Entwicklung der Größe der unserer Winterbestände an Brieftauben, so könnte man annehmen wir hätten uns die Amerikaner zum Vorbild gemacht. Während 1982 die durchschnittliche Bestandsgrößen im Raum Dortmund noch bei etwa 44 Tieren lag (Quelle: "Leben mit Brieftauben", S.226, Westfalen Verlag), so übersteigen heute bereits nur die Reisemannschaften vieler Züchter diese Zahl. Nicht zur Mannschaft gehörige Weibchen und Zuchttauben sind dabei noch gar nicht mitgezählt. Vermutlich liegt eine mittlere Bestandgröße heute etwa doppelt so hoch, wie noch vor dreißig Jahren, wobei insbesondere die Anzahl der sehr großen Bestände zugenommen hat.

Ich persönlich bin der Meinung, dass diese Entwicklung an sich auch kein Problem darstellt, solange jeder Züchter und jeder der es werden möchte, frei entscheiden kann, wie groß sein eigener Bestand sein soll und er damit glücklich und zufrieden im Taubensport werden kann. Denn dann wird dieser Züchter dem Sport zumindest schon einmal nicht nicht aus diesem Grunde verloren gehen.

Es ist ofmals so, dass viele Züchter (und insbesondere potentielle Interessenten für unser Hobby!) einen großen Bestand gar nicht halten könnten, selbst wenn sie es wollten. Dabei ist noch nicht einmal die Limitation durch die finanziellen Möglichkeiten an erster Stelle zu nennen. Gerade für Personen, die nicht auf dem Lande wohnen (und dies sind 85% der deutschen Bevölkerung!), sind die räumlichen Gegegebenheiten oft begrenzt und in gemischten Wohngebieten liegt die von den meisten Gemeinden zugestandene Bestandsgröße bei nur 50 Tieren! Auch ältere Sportfreunde haben irgendwann nicht mehr die Kraft und gesundheitliche Leistungsfähigkeit einen großen Bestand zu versorgen und müssen ihre Bestandsgröße in Folge dieser Umstände reduzieren.

Als ich am letzten Wochenende an einer Podiumsdiskussion zur Zukunft des deutschen Brieftaubensportes teilnahm, äußerte sich ein Mitglied der Sportkommission des Verbandes mit Bezug auf die aktuellen Vorschläge zur diesjährigen Mitgliederversammlung dahingehend, dass man gerne Satzzahlbegrenzungen in die Meisterschaftsausschreibungen aufgenommen hätte, um in Zukunft auch kleineren Beständen wieder mehr den Weg zu ebnen. Dies habe sich jedoch nach Prüfung des rechtlichen Rahmens nicht umsetzen lassen.

Ich persönlich war über diesen gesamten Gedankengang irritert. Wenn man den stetig wachsenden Bestandsgrößen entgegenwirken will, um den Taubensport für eine breite Masse an Interessenten attraktiv zu halten, wäre aus meiner Sicht zunächst der Blick auf die Ursachen dieses Wachstums angesagt. Beseitigt man die treibenden Kräfte hinter dieser Entwicklung, erreicht man sehr viel mehr und dies vor allem nachhaltiger. Ein Diktat der Bestandsgrößen durch den Verband und damit ein massiver Eingriff in die züchterische Freiheit wäre dabei gar nicht nötig.


Wer öfters liest, was ich so schreibe, weiß natürlich worauf ich hinaus will: Bei allen Meisterschaften, die die x besten Tauben ohne Bezug zur Mannschaftsgröße eines Züchters zur Bedingung haben, führt ein größerer Reisebestand zu spürbar besseren Chancen, so eine Meisterschaft erringen zu können! Und da die allermeisten Meisterschaften in den Rven, den Fluggemeinschaften und sogar in den Regionalverbänden immer noch nach diesem Muster gestrickt sind, haben sie einen massiven Einfluss auf die oben genannte Entwicklung gehabt, denn es sind genau diese Meisterschaften, die realistisch von jedem Züchter als Ziel anvisiert werden können, und nicht die Verbandsmeisterschaft.




Heute möchte ich diese immer wieder von mir vorgetragene These anhand konkreter Zahlen stützen. Denn immer noch sind in Gesprächen und Diskussionen zu dieser Fragestellung Argumente zu hören, wie "Man kann auch mit wenig Tauben Meister werden. Bei uns ist der Züchter XY mit ganz wenig Tauben immer mit vorne dabei.", "Es sind doch ohnehin immer die Gleichen vorne, da ändert doch der Meisterschaftsmodus nichts dran." Bei solchen Diskussionen wird jedoch immer wieder vergessen, dass man nicht mit Einzelfällen gegen eine allgemeine Tendenz argumentieren kann.

Man muss statt dessen einmal eine große Zahl von Züchtern im Umfeld einer "x besten Meisterschaft" betrachten, um den Effekt eines solchen Meisterschaftsmodus zu verdeutlichen. In meinem Regionalverband hatten wir in diesem Jahr sieben Regionalflüge aus deren Ergebnissen über einen "fünf-beste-Tauben"-Modus ein Regionalverbands-Meister ermittelt wurde. Legen wir die Zahlen des ersten Regionalfluges zugrunde, standen hierbei 630 reisende Schläge mit 18.179 Tauben zu Beginn miteinander im Wettbewerb. Diese Datenbasis ist mehr als nur ausreichend, um statistisch belastbare Aussagen zu treffen. Die abgeleiteten Aussagen gelten daher UNEINGESCHRÄNKT auch für kleinere Organisationen, selbst wenn dort eine derartige Auswertung wegen einer sehr viel kleineren statistischen Stichprobe einmal eine weniger eindeutige Aussage ergeben sollte.

Zur Auswertung habe ich die bestplatzierten 53 Züchter in dieser Regionalverbandsmeisterschaft betrachtet, und somit nur die besten 8,4% aller Züchter des gesamten Regionalverbandes. Dies alles sind also Züchter, bei denen wir annehmen können, dass sie mit Tauben umgehen können, dass sie allesamt nicht zu den schlechten Versorgern gehören, dass sie allesamt fitte Tauben zum Einsatz gebracht haben und dass sie allesamt auch ausreichend gute Tauben auf dem Schlag haben, um sich gut zu platzieren.

Nun haben diese besten Schläge des Regionalverbandes sich natürlich dennoch unterschiedlich in der Regionalverbandsmeisterschaft platziert. Und sicher wird ein Grund dafür darin bestehen, dass es auch unter den Guten immer noch Bessere gibt. Auch mag der eine Züchter mehr Glück mit seinen Zählern gehabt haben, als der andere Züchter. Und so finden wir unter diesen bestplatzierten Züchtern eine gewisse Streuung in der von ihnen auf den Regionalflügen erbrachten Reiseleistung. Interessant ist dabei jedoch die Feststellung, dass die erbrachte Reiseleistung keinerlei Abhängigkeit zur Größe der Reisemannschaft zeigt

Dies zeigt Abbildung 1 (zum Vergrößern anclicken). Hier wurden die erbrachten Reiseleistungen den Mannschaftsgrößen gegenübergestellt und jeder Schlag mit einem Punkt eintragen. Für Schläge mit einer großen Mannschaft liegt ihr Punkt weiter rechts im Diagramm. Bei Schlägen mit kleinerer Reiseleistung liegt der Punkt dann weiter unten. Hätte nun ein Zusammenhang zwischen der Reiseleistung und der Größe der Mannschaft bestanden, beispielsweise in der Form, dass größere Schläge auch besser reisen, so hätten die eingezeichneten Punkte in der Tendenz von links unten nach rechts oben ansteigen müssen. Sie tun es aber, wie leicht ersichtlich ist, nicht und bilden statt dessen einen Punktehaufen ohne ansteigende oder abfallende Tendenz.
(für Interessierte: die eingezeichnete Linie ist der Trend dem diese Punkte folgen, er wurde mit Hilfe der anerkannten statistischen Methode der linearen Regression berechnet, die erhaltene Geradengleichung ist ebenfalls abgebildet).

In der Konsequenz bedeutet dies, dass eine große Reisemannschaft keine bessere Reiseleistung bringt! Eine Feststellung die auch nicht überrascht, aber dennoch wichtig ist, in diesem Zusammenhang festgestellt zu werden. Warum? Das, werden wir sehen, wenn wir Abbildung 2 näher betrachten:

Hier wurde der Platzierung eines Schlages in der Meisterschaft seine jeweilige Mannschaftsgröße gegenüber gestellt. Der Punkt für größere Schläge liegt hierbei weiter oben, und für Schläge mit einer besseren Platzierung weiter links (dort befindet sich Platz 1 in der Meisterschaft). Wenn nun die Mannschaftsgröße keine Auswirkungen auf die Platzierung in dieser "5-Besten"-Meisterschaft hätte, dürften die Punkte in diesem Diagramm keine Tendenz anzeigen, ihre Trendlinie müßte waagerecht verlaufen.

Es ist jedoch bereits mit bloßem Auge deutlich zu erkennen, dass sich die Punkte von "links oben" nach "rechts unten" bewegen. Diese Tendenz bedeutet ganz konkret: je größer hier eine Mannschaft ist, desto besser ist sie im Schnitt auch in der aktuellen "5-Besten" Regionalverbands-Meisterschaft platziert!
(Der Trendlinie zufolge bedeutet eine um ein Tier größere Mannschaft im Schnitt etwa eine um zwei Plätze bessere Platzierung in dieser Meisterschaft (2 x 0,49 = ca 1))

Da wir aber in Abbildung 1 gesehen haben, dass über die hier betrachteten Schläge nicht behauptet werden kann, dass die größeren Mannschaften auch die besseren Reiseleistungen erzielten und somit sportlich überlegen gewesen wären, bedeutet dies in der direkten Konsequenz: Die besseren Platzierungen der Schläge mit größeren Mannschaften gehen hier im Schnitt NICHT auf eine bessere sportliche Leistung zurück, sondern allein auf die größere Mannschaft!

Natürlich finden wir auch hier Einzelschläge, die sich trotz kleinerer Mannschaft sehr gut platzieren konnten, doch zeigt die eindeutige Tendenz in Abbildung 2, dass diese "Ausreißer" absolut nicht dazu geeignet sind, zu behaupten, große Bestände hätten keinen systematischen Vorteil bei den "x-besten"-Meisterschaftsmodi.
Im Gegenteil: Betrachten wir beispielsweise den Viertplatzierten im Regionalverband, so erbrachte er mit 59% die mit Abstand höchste Reiseleistung der hier betrachteten Schläge auf den Regionalflügen, hatte aber aufgrund seiner geringen Mannschaftsgröße von nur 22 Tauben dennoch keine Chance den verdienten ersten Platz zu belegen, denn die vor ihm Platzierten brachten 61, 96 und 65 Tiere an den Start. Es hat somit hier noch nicht einmal der Beste gewonnen, und eine Änderung des Meisterschaftsmodus beispielsweise in einen Modus, bei dem die Satzzahl in Anrechnung gebracht würde, hätte diese Liste der Sieger deutlich verändert!

Noch deutlicher wird der systematische Vorteil einer großen Satzzahl bei den "x-beste-Modi", wenn wir die mittlere Mannschaftsgröße der  Plätze 1 bis 10, 11 bis 20, 21 bis 30, und so fort in ein Diagramm eintragen (Abbildung 3), da hierdurch die Streuung des Einzelfalles nicht mehr so stark ins Gewicht fällt, aber die Tendenz durch diese Mittelung von jeweils zehn platzierten Schlägen nicht verfälscht wird:


Wenn wir uns nun noch die absoluten Zahlen der Mannschaftsgrößen dieser bestplatzierten 8,4% des Regionalverbandes anschauen und sie mit dem Mittel aller Züchter im Regionalverband vergleichen, sollte hoffentlich auch der letzte Verfechter dieser Modi eingestehen müssen, wie deutlich sich der systematische Vorteil einer größeren Mannschaft auf die Platzierung auswirkt.

Im Regionalverband traten 18.179 Tauben von 630 Schlägen gegeneinander an, somit betrug die mittlere Mannschaftsgröße über alle Schläge nur 28,9 Tauben. Die mittlere Mannschaftsgröße der hier betrachteten bestplatzierten Schläge betrug hingegen 54,2 Tauben, war also fast doppelt so groß!

Nur ganze 6 Züchter mit weniger als diesen 28,9 Tauben schafften es unter die besten 53, ein weiterer Züchter hatte genau 29 Tauben in der Mannschaft aber 46 Züchter der 53 Bestplatzierten lagen mit ihren Mannschaften (meist sogar deutlich) über der mittleren Größe der Mannschaften im Regionalverband.

Ich hoffe es wird nun niemand ernsthaft behaupten wollen, dass es in der Gruppe der Züchter mit Mannschaften von 20 bis 30 Tauben, die einen großen Anteil der 630 Züchter in diesem Regionalverband stellen, halt nur sieben Züchter existieren, die wirklich gut sind! Es gewinnt hier die Größe über die sportliche Leistung und dieser Zusammenhang ist eindeutig, er ist bedeutend und er ist NICHT wegzudiskutieren!

Und natürlich wissen die Züchter schon längst um all diese Zusammenhänge, denn genau dies stellte eben den wesentlichen Motor dar, der zum Wachstum der Bestände in den letzten dreißig Jahren geführt hat! Jeder motivierte Züchter wird in einem System, in dem solche Meisterschaften existieren, irgendwann mit der Frage konfrontiert, ob er realistische Chancen auf die vorderen Plätze haben will und deshalb seinen Bestand aufstocken muß, oder nicht!

Ein Züchter hat also in einem System wo "x-beste-Modi" den Ton angeben gar keine freie Wahl seiner Bestandsgröße! Und wenn er äußeren Restriktionen unterworfen ist, die eine Ausweitung seines Bestandes verhindern, könnte er noch nicht einmal eine Bestandsvergrößerung vornehmen, selbst wenn er es wollte! Er müßte also seine systematische Benachteiligung akzeptieren, seinen Traum einer Top-Platzierung begraben oder sich eben von diesem Hobby abwenden (bzw. erst gar nicht beginnen!).

# JEDE Organisation, egal ob RV, FG oder RegV, die "x-beste-Modi" für ihre wichtigen Auszeichnungen und Meisterschaften beibehält, setzt einen starken Anreiz zu größeren Beständen!

# JEDE dieser Organisationen handelt sportlich unfair gegenüber den Züchtern, die gerne einen kleineren Bestand halten möchten oder gar keinen größeren Bestand halten können, da diesen systematisch schlechtere Chancen eingeräumt werden, die sich nicht an der wahren sportlichen Leistung orientieren. Unter diesen Modi gewinnt eben NICHT immer der bessere, sondern manchmal auch einfach nur der Größere!

# JEDE Organisation könnte selbsttätig, ohne dass der Verband hier in der Verantwortung stünde, handeln und die Situation durch ABSCHAFFUNG aller dieser Modi verbessern. Jede Versammlung bietet dazu eine Gelegenheit. Und sollten manche Anträge an die MV in diesem Jahr durchgehen, so müßten vor Beginn der neuen Saison ohnehin auf RegV-Ebene Meisterschaften beschlossen werden (siehe RegV-Meisterschaft des Verbandes, Antrag IV (7)). Alternativen zu den "x-beste-Modi" gibt es genug, von satzzahlabhängigen Zählersystemen, über eine Begrenzung der Tauben die nur als Zähler in Frage kommen, bis hin zu Vorbenannten-Meisterschaften.


Natürlich rettet die Abschaffung der "x-beste-Modi" alleine nicht den deutschen Taubensport. Sie stellt jedoch einen wichtigen Mosaikstein zur Verbesserung der Situation dar, damit auch kleine Bestände nicht länger systematisch benachteiligt werden, und es sich somit wieder lohnt auch Taubensport im kleinen Rahmen zu betreiben mit der Perspektive auf Top-Platzierungen. Denn Taubensport ist auch Wettbewerb. Wem es nur um die Taubenhaltung geht, könnte ja sonst ebenso gut auch Rassetauben halten (es sei an dieser Stelle beiläufig erwähnt, dass die Zahl der Rassetaubenzüchter über viele der letzten dreißig Jahren angestiegen ist und nun auf hohem Niveau derzeit deutlich langsamer schrumpft als die der Brieftaubenzüchter).

In einem zweiten Teil zu diesem Thema werde ich in Kürze über die konkrete Auswirkung der Meisterschaften und ihrer Änderung auf RV Ebene schreiben.

Sonntag, 7. März 2010

Ernüchterung

In der letzen Woche habe ich versucht für mich etwas herauszufinden. Wie reagiert die Züchterschaft, wenn man versucht ihnen einen unverblümten Spiegel vorzuhalten? Wie, wenn man einmal laut aufbegehrt und klare Positionen formuliert.

Meine Positionen waren:
1.) Der Erhalt des Taubensportes ist das oberste Ziel, unter dem sich alle Veränderungen und Anpassungen einordnen müssen.

2.) Zur Analyse und Erfolgskontrolle sind vom Verband jährlich geeignete Analysedaten über Mitgliederstruktur, Mitgliederbefindlichkeiten und deren Entwicklung zu erheben und detailliert zu veröffentlichen.

3.) Tierschutz ist der zweite Maßstab, an dem sich alle Veränderungen messen lassen müssen!

4.) Bei ALLEN attraktiven Meisterschaften auf JEDER Ebene dürfen durch größere Mannschaften, so gut es geht, keine größeren Chancen entstehen. Kleinere Mannschaften und Bestände sollten also ähnliche (nicht bessere!) Chancen zu Eringung von Meisterschaften haben.

5.) Züchter benötigen mehr Freiheit bei der Auswahl der Flüge, an denen sie teilnehmen wollen!

Und ich habe die Leser dieses Blogs aufgefordert, hierzu in Form eines Kommentares Stellung zu beziehen. Zwar gab es wohl auch "technische" Probleme für einzelne einen Kommentar zu hinterlassen, wie man mir per Mail mitteilte. Dennoch: Gerade einmal 4 Kommentare kamen zusammen!

Dieser letzte Blogbeitrag hatte anschließend knapp 500 Besuche zu verzeichnen. Dies waren in etwa die Hälfe der Besuche, die sich normalerweise einstellen, wenn ich über Zucht, oder über Beifuttermittel schreibe.

Im gut besuchten Internetforum Internet-Taubenschlag habe ich parallel versucht durch eine klare Positionierung zu ein paar aus meiner Sicht grundlegenden Problemen zusammen mit provokanten Formulierungen ein Reaktion zu erzeugen. Ich habe nicht ganz ungewollt laut und heftig "auf den Busch klopfen" wollen, denn mich hat die Reaktion der lesenden Züchter sehr interessiert.

Ist die Züchterschaft überhaupt Willens Position zu beziehen, egal, ob dafür oder dagegen?
Wir können seit Jahren den schleichenden Tod unseres Hobbies beobachten. Einst stolze Vereine verwaisen zunehmend und bestehen nur noch aus Einzelmitgliedern, RVen die früher hunderte von Mitgliedern, einen eigenen Kabi und eine große Einsatzhalle unterhalten konnten, sehen sich heute mit der Aufgabe einen neuen Kabi anzuschaffen, da der alte moderne Abgasvorschriften nicht erfüllt, überfordert.

Die Gruppe mit dem einstmals stärksten Anteil in der Züchterschaft, die der 40-50 Jährigen (1982 noch über 30%!) liegt heute nur noch an vierter Stelle (mit grob 12%) weit hinter der Gruppe der 60-70 Jährigen (mit über 30%) und der Gruppe der 50-60 Jährigen und sogar noch hinter der Gruppe der 70-80 Jährigen! Vor grob 30 Jahren lagen auch die Gruppen der 30-40 Jährigen noch vor diesen Gruppen, und die heute führende Gruppe der 60-70 Jährigen lag an vierter Stelle!

Jedes Jahr verliert der Verband aufgrund der Altersstruktur grob 5% seiner Mitglieder. Und parallel gewinnt er kaum noch neue Züchter hinzu.

Im aktuell größten Regionalverband Deutschlands haben wir derzeit bei 17 RVen gerade einmal etwa 40 angemeldete Züchter, die unter 24 Jahre alt sind! Bei derzeit dort noch grob 800 reisenden Schlägen sind dies gerade einmal 5%!! Von diesen jungen Menschen werden ein paar sicher, sobald ihre berufliche Existenz gesichert ist (eben meist im Alter zwischen 30-50) den Taubensport intensiv fortführen wollen.

Doch können und wollen wir uns wirklich vorstellen, dass in dieser Zukunft (also in nur grob 15 Jahren) auf einer Fläche von 70 x 70 km nur noch 20-30 Züchter im Alter von grob 40 Jahren existieren (es machen ja nicht alle dieser Jungen leute später weiter!)? Zu ihnen werden sich dann bei gleicher Altersverteilung wie heute noch einmal 200-250 ältere Züchter gesellen, und das war's!

Und das im derzeit noch mitgliederstärksten Regionalverband Deutschlands, gemessen an reisenden Schlägen!! Wie soll dann also, unter diesen Bedingungen in Gegenden, in denen die Züchterzahl schon heute deutlich geringer ist, noch ein einigermaßen fairer und interessanter Taubensport organisiert werden?

Frühere Hochburgen des Taubensportes waren unter anderem auch die städtischen Gebiete. Grob 85% der Bevölkerung Deutschlands lebt heute in Städten! Doch heute existieren in den Städten kaum noch Taubenzüchter. Der allergrößte Teil wohnt ländlich.
Können wir es uns wirklich leisten, unser Hobby so zu betreiben, dass wir 85% der Bevölkerung kaum noch damit erreichen (siehe Punkt 4 der obigen Forderungen!)?



Wenn dies alles nicht dramatisch ist, dann weiss ich nicht, was überhaupt noch dramatisch in Bezug auf den deutschen Taubensport sein kann.



Und genau deshalb war ich sehr gespannt darauf, wie die Reaktionen auf meine teils recht provokanten Vorstösse sein würden. Kann man heute eigentlich noch ruhig bleiben angesichts der Situation?
Und die schlimmste aller für mich zuvor denkbaren Varianten ist eingetroffen:

Die aller- aller- allermeisten Züchter reagierten gar nicht! Weder dafür noch dagegen! Dabei war ich schon sehr provozierend. War ich schon zu weit weg, so dass man meine Ausführungen nicht mehr ernst nehmen wollte? Ich glaube dies leider nicht.

Zwischen den Zeilen anderer Beiträge des genannten Forums lese ich Vorwürfe, die in Richtung:
-Unruhe stifften
-voreilige zu radikale Reformen
-zu schlechte Darstellung der Ist-Situation
-zu düstere Zukunftsprognose
gehen.

Und in anderen Beiträgen finde ich gleichzeitig Kritik an weit entfernten Feinden, wie "dem Verband", "der Mitgliederversammlung", "dem Kommerz",...



Es wird sich nichts, aber auch wirklich GAR NICHTS an der heutigen Situation zum Besseren ändern, wenn wir uns nicht zunächst darüber bewußt werden, wer denn in dieser ganzen Misere eigentlich welche Verantwortung trägt?
Wer definiert die Meisterschaftsmodi in den RVen und RegVs?
Wer stimmt über Flugpläne, Reiserichtung und Zusammenarbeit mit anderen Organisationen ab?
Wer möchte weiterhin seine Ruhe und am liebsten die gute alte Zeit zurück haben?
Wem ist die eigene Reiseleistung wichtiger, als das Anliegen neue Mitglieder zu gewinnen?

Wir alle, auf ALLEN EBENEN tragen einen Teil der Verantwortung an der Misere.

Das alte Sprichwort, dass der Fisch am Kopf zuerst stinkt, ist zwar richtig.
Aber wir dürfen das Wort ZUERST hierin nicht übersehen. Der Zeitpunkt dieses "zuerst" liegt schon Jahrzehnte zurück. Heute stinkt der ganze Fisch an jeder einzelnen Gräte!

Es wird uns auch in Zukunft, genauso wie bisher nichts nützen, immer nur "über diese oder jene"zu lammentieren aber selber zu keiner Veränderung im eigenen Umfeld bereits zu sein. Wer so agiert ist selber ein wesentlich Mitschuldiger im Verfall unseres Sportes!

Ich will weder Unfrieden stiften noch einfach nur stänkern. Ich will aber eine realistische Chance haben in 10 bis 20 Jahren diesem schönen Hobby noch in sinnvoller Form nachgehen zu können, ohne dass ich dazu nach Holland auswandern muss!

Veränderung tut immer auch weh! Und sie wird nie ohne Konflikte ablaufen! Aber ist ein schleichender ruhiger Tod wirklich die bessere Alternative?

Montag, 22. Februar 2010

Trinkwasserdesinfektion

Wir befinden uns nun im Ausklang des Winters, und vielerorts gehen die Züchter in sich, ob sie vielleicht nicht etwas an ihrer Methode die Tauben zu versorgen verändern oder verbessern können. Und auch wenn es heißt "never change a running system" ist dies eine wichtige Maßnahme, denn die Rahmenbedingungen könnten sich ja in den letzten Jahren geändert haben, und man gerät in Gefahr ins Hintertreffen zu kommen, wenn man nicht auf dem neuesten Stand bleibt. Letztendlich werden die meisten Gedanken wieder verworfen und ein erfolgreicher und verantwortungsbewußter Züchter wird Veränderungen auch nur vorsichtig in ein bewährtes System einführen.

Dennoch, in den letzten Jahren haben sich besonders bei der Jungtierhaltung Notwendigkeiten ergeben, die Veränderungen des Bestehenden erforderten. Die Jungtierkrankheit und die immer stärker werdenden Resistenzen von manchen Krankheitserregern insbesondere Trichomonaden, setzten neue äußere Zwänge.

Und so wurde der Bedarf nach Mitteln und Wegen zur Prävention solcher Probleme sehr groß. Ein Bereich, der hierbei in den Mittelpunkt der Bemühungen gerückt ist, ist die Behandlung des Tränkenwassers mit dem Ziel eine Übertragung von Trichomonaden und anderen Krankheitkeimen zu verhindern oder einzudämmen. Die Zusätze dienen also der Desinfektion des Tränkenwassers.

Zuerst muss jedoch einmal festgestellt werden, dass Trinkwasser aus dem öffentlichen Versorgungssystem hygienisch einwandfrei ist, es also keiner zusätzlichen Desinfektion bedarf, solange es frisch "verzehrt" wird. Genau an dieser Einschränkung wird jedoch ein Problem deutlich. Denn das Wasser sollte den Tauben in den Tränken ständig und ungehindert zur Verfügung stehen. Und dies stellt eine zwingende halterische Notwendigkeit darstellt, die auch unter Tierschutzaspekten zu gefordert wird.

Während der Zeit, die das Trinkwasser auf dem Schlag verbleibt, kann es durch das Eintauchen der Schnäbel trinkender Tauben schnell mit Keimen infiziert werden. Ebenso ist der durch Windwirbel und Flügelschläge eingetragene Staub eine ständige Quelle für Keime. Diese Keimbelastung ist daher abhängig von der Dauer des Verbleibs einer Tränke auf dem Schlag, von der Anzahl der dort befindlichen Tauben und, um den wichtigsten Aspekt nicht zu vergessen, von der allgemeinen Schlaghygiene. Zudem ist es natürlich entscheidend, immer nur eine hygienisch einwandfreie Tränke neu zu befüllen. Also schön putzen!

Somit hat der Züchter eine große Menge an Möglichkeiten, die Verbreitung von Keimen über das Trinkwasser ohne Zusatz eines Desinfektionsmittels zu begrenzen. Dennoch, gerade in Phasen sehr warmer Witterung und immer dann, wenn dem Trinkwasser irgendwelche Zusätze zugegeben werden (von Vitaminen über Aminosäurepräparate bis hin zu irgendwelchen Säften) finden Keime ideale Ausbreitungsbedingungen vor. Zudem zeigt sich, dass das Trinkwasser ein wichtiges Überträgermedium während eines akuten Krankheitsgeschehens darstellt, selbst wenn man bestmögliche Reinlichkeit walten läßt.

Und somit ist das heutige Angebot an Möglichkeiten, das Trinkwasser zu desinfizieren grundsätzlich zu begrüßen. Auf diese Art und Weise vorzubeugen ist allemal besser, als in regelmäßigen Zyklen irgendwelche Medikamente auf Verdacht zu geben.


Drei unterschiedliche Strategien
Generell kann man zwischen drei unterschiedlichen Strategien zur Trinkwasserdesinfektion unterscheiden:
a) Mittel, die Wirkstoffe enthalten, welche auf manche Keime abtötend wirken
b) Mittel, die das Trinkwasser bis zu einem pH-Wert von 4-5 ansäuern
c) Mittel, die aufgrund eines Oxidationsmittels Keime beseitigen

Die Mittel die eine Strategie nach a) nutzen, beinhalten meist Substanzen, die in den Stoffwechsel der Keime eingreifen. Somit ist ihre Wirkung meist auf eine kleinere Gruppe von Keimen begrenzt und kann auf lange Sicht durch Resistenzbildung der Keime ggf. umgangen werden. Zudem sind Wirkungen auf Sporen und Viren meist sehr begrenzt bis gar nicht vorhanden.

Ansäuerung von Trinkwasser
Die unter b) beschriebene Strategie wird von Brieftaubenzüchtern schon seit Jahrhunderten angewendet. Früher kamen Zitronensäure und Essig zum Einsatz, heute bieten einige Hersteller zudem Präparate an, die sich dieses Prinzips bedienen. All diesen Mitteln ist gemeinsam, dass durch das Verschieben des pH-Wertes in der Tränke, die Lebensbedingungen für viele Schadkeime (wie beispielsweise Salmonellen und besonders Trichomonaden) deutlich verschlechtert werden.

Dadurch vermehren sich diese Keime nicht mehr in der Tränke, und sterben teilweise sogar ab. Die Tränke fällt also für diese Keimgruppe als Übertragungsweg aus. Allerdings gibt es durchaus auch Keime die das leicht saure Milleu überleben, oder sich dort sogar wohlfühlen. Insbesondere Viren und Pilzsporen kann ein solches Trinkwasser nichts anhaben. Das muß aber nicht zwingend gegen den Einsatz von Ansäuerungsmitteln sprechen, denn Tauben sind gegenüber Pilzinfektionen sehr robust und Vireninfekte drohen im Verhältnis zu Trichomonaden und Salmonelleninfektionen deutlich seltener. Einige Vireninfekte gehören sogar zum gewollten Prozeß einer Ausbildung von Immunität, da diese Keime allgegenwärtig sind.

Zudem haben Mittel, die der Trinkwasseransäuerung dienen den Vorteil, dass man mit Ihnen Aminosäurepräparate, Vitamine und viele andere Zusatzstoffe ohne Probleme und "Funktionseinbuße" mischen kann.

Über die Vorstellung, dass die Tauben nun "Säure", also etwas ätzendes zu sich nehmen müssen, kann man sich natürlich Gedanken machen. Aber solange sich der pH-Wert in der Nähe von 5 befindet (pH Teststäbchen aus der Apotheke geben ggf. Auskunft) neutralisiert alleine schon der Kropfinhalt die schwache Säure und sie richtet keinen Schaden an (die Säurestärke liegt zudem unter der von vielen Früchten/Fruchtsäften und etwa im Bereich von Essiggurken!). Zudem wird der Nahrungsbrei ja später im weiteren Verdauungstrakt der Tauben ohnehin im Magen durch die sehr viel stärkere Salzsäure angesäuert.

Eine Überdosierung dieser Mittel ist dennoch immer zu vermeiden, sobald ein pH-Wert von 4-5 erreicht ist, wird die gewünschte Wirkung erzielt. Eine stärkere Ansäuerung (niedrigerer pH-Wert) kann dann tatsächlich zu Reizungen der Kropfschleimhaut und vor allem zu deutlich verminderterer Trinkwasseraufnahme durch die Tauben führen.

Auch wenn die ansäuernden Grundsubstanzen in den im Handel befindlichen Mitteln sehr unterschiedlich sind (von Essigsäure, über Ameisensäure, Propionsäure bis hin zu Ligninsulfonat mit Propionsäure) geht die Hauptwirkung bei all diesen Mitteln von der Verschiebung des pH-Wertes aus und daher sind sie in ihrer Wirkung nahezu gleich.

Im Vergleich zu Zitronensaft oder Obstessig haben manche Handelsprodukte den Vorteil, dass die Tränke nicht so stark verschleimt (Ansiedlung von säureliebenden Keimen und auch Schimmelbildung möglich). Dadurch ist die Reinigung der Tränken etwas einfacher.
Ein spezielles Mittel am Markt setzt zudem durch Ligninsulfonat auf einen zusätzlichen Effekt nach Strategie a). Die Frage, ob dies den erheblichen Mehrpreis rechtfertigt (Faktor 5 bis 10!) muss jeder Züchter für sich selbst beantworten.

Ich persönlich setze ein günstiges Ansäuerungsprodukt während der Aufzucht und im Winter während ich Tränkenheizer nutze ein, um Trichomonaden einzudämmen. Obstessig täte es wohl auch, doch versotten mir dabei die Tränken auf Dauer zu sehr. Wie gesagt alles eine Frage des Züchterempfindens.



Oxidationsmittel im Trinkwasser
Mit Oxidation ist ein chemischer Prozess gemeint, bei dem ein Molekül ein Elektron abgibt. Diese Reaktion hat gravierende Auswirkungen auf die beteiligten Moleküle. Das Oxidationsmittel (also das, welches beim anderen Molekül die Oxidation auslöst) wird "neutralisiert" bzw. "aufgebraucht". Das oxidierte Molekül wird derart verändert, dass es seine ursprüngliche Aufgabe nicht mehr erfüllen kann.

Genau aus diesem Grunde stellen Oxidationsmittel sehr effektive Desinfektionsmittel dar, denn sie zerstören wichtige Proteine, Aminosäuren etc. in den zu bekämpfenden Keimen. Und diese sterben dadurch ab. Eine Resistenzbildung gegen diese "Gewalt" gibt es nicht. Auf der anderen Seite wird schnell deutlich, dass dieser chemisch begründete Mechanismus keinen Unterschied zwischen Freund und Feind macht.

Und so kann ein Desinfektionsmittel dieser Art nicht nur die Zellen eines Bakteriums zerstören, sondern auch Körperzellen der Tauben. Da aber Oxidationsmittel in der Natur auch vorkommen (insbesondere das Peroxid) sind die Körperzellen mit Abwehrmechanismen und Reparaturmechanismen ausgestattet, die eine schwachen "Angriff" eines Oxidationsmittels abwehren können.

Dennoch: Die Strategie zur Trinkwasserdesinfektion ein Oxidationsmittel einzusetzen, muß immer so ausgerichtet sein, dass die Menge an Oxidationsmittel zur Abtötung der Keime innerhalb der Tränke ausreicht, aber innerhalb des Kropfes das Oxidationsmittel sehr schnell aufgebraucht wird.
Es ist zwar denkbar, dass frisch aufgenommenes Futter zusammen mit frisch aufgenommenem Wasser noch ein wenig "Oberflächendesinfiziert" wird, und dies insbesondere im Verlauf der Jungtaubenkrankheit das Gären und Erbrechen des Kropfinhaltes ein wenig dämpft.
Doch ein größerer Überschuß an Oxidationsmittel würde den Organismus der Tauben unnötig belasten, zu Schleimhautreizungen und sogar Geschwulsten führen können (bei dauerhafter starker Überdosierung). Nicht ohne Grund werden beispielsweise auch menschlichem Trinkwasser Oxidationsmittel wie Chlor zur Desinfektion zugesetzt, aber deren Konzentration durch regelmässige Kontrollen überwacht, und durch gesetzliche Vorschriften begrenzt.

Insbesondere, wenn eine virenbedingte Kränkheit wie die Jungtaubenkrankheit abzuwehren ist, so kann eine Trinkwasserdesinfektion mittels Oxidationsmittel von Vorteil gegenüber der Ansäuerungsstrategie sein, da eben auch Viren abgetötet werden.


Unterschiedliche Oxidationsmittel

Als unterschiedliche Oxidationsmittel kommen meist zum Einsatz
1) Iod
2) Wasserstoffperoxid
3) Chlor/Hypochlorid


Iod zur Desinfektion
Iod als Zusatz zum Trinkwasser hat in der Brieftaubenhaltung eine lange Tradition. Zum einen ist Iod ein Element, welches im Schildrüsenhormon vorkommt. Es ist im Stoffwechsel von wichtiger Bedeutung. So erhofft man sich durch eine zusätzliche Iodzufuhr die Ausschüttung dieses Hormons zu steigern und dadurch den Stoffwechsel anzukurbeln. Iod ist aber auch ein gutes Oxidationsmittel. Und so wirkt es auch desinfizierend. Dies aber nur, wenn es nicht zusammen mit organischen Substanzen wie z.B. Knoblauchsaft, Rote Beete Saft, o.ä. in einer Mischung vorkommt.
Denn dann wird die Oxidationswirkung des elementaren Iods bereits im Kontakt mit den organischen Substanzen aufgebraucht. Es bleibt dann Iod in Form von gebundenem Iod oder Iodid zurück, welches dann nur noch als Nahrungsergänzung des natürlichen Iodbedarfs wirkt und keine weitere desinfizierende Wirkung besitzt.


Wasserstoffperoxid zur Desinfektion
Wasserstoffperoxid ist ein sehr starkes Oxidationsmittel mit einer ebenso starken desinfizierenden Wirkung. Es kommt auch bei Stoffwechselvorgängen in den Körperzellen vor, und deshalb besitzt der Körper einige Abwehrmechanismen (sogenannte Peroxidase-Enzyme) die das Wasserstoffperoxid zu Wasser und Sauerstoff zerlegen und dadurch ungefährlich machen. Aus diesem Grunde bietet es sich auch für die Tränkwasserdesinfektion an, denn es tötet in der Tränke alle Keime sicher ab. Im Kropf der Taube können aber sogar geringe Überschüsse leicht "neutralisiert" werden, und richten daher keinen "Kolateralschaden" an. Aber natürlich gilt auch für das Wasserstoffperoxid, dass eine zu hohe Konzentration der Taube Schaden zufügt.

Die Tatsache, dass Wasserstoffperoxid zu Wasser und Sauerstoff "abreagiert" ist ein Vorteil im Vergleich zu den chlorbasierten Oxidationsmitteln, bei denen als Nebenprodukt bei der Desinfektionsreaktion auch geringe Spuren des giftigen Chloroforms entstehen können. Insgesamt unterscheiden sie sich in ihrer Wirkung auf die Keime jedoch kaum.

Ein weiterer Vorteil von Wasserstoffperoxid ist, dass relativ kostengünstige Präparate auch für Brieftauben zu erhalten sind, von denen meist nur wenige Tropfen dosiert werden müssen. Diese Produkte sind also recht ergiebig. Wasserstoffperoxidpräparate dürfen ebenso wie Iod (wenn dieses der Desinfektion dienen soll) nicht mit organischen Trinkwasserzusätzen gemischt werden. Also ist beispielsweise ein zeitgleicher Gebrauch von Aminosäure-, Pflanzen- oder Vitaminpräparaten absolut nicht sinnvoll.

Das Wasserstoffperoxid wird sehr schnell aufgebraucht und kann keine Wirkung in der Tränke mehr entfalten, und manche Vitamine und Aminosäuren werden dabei zersetzt. Ich persönlich setze während der "heißen Phase" der Jungtaubenkrankheit ebenfalls ein auf Wasserstoffperoxid basierendes Trinkwasserdesinfektionsmittel ein.


Chlor/ Hypochlorige Säure/ Hypochlorit
Die Trinkwasserdesinfektion mittels Chlor ist wohl die in Deutschland geläufigste. Sie wird in der Mehrzahl der Kommunen durchgeführt, um das Trinkwasser für den menschlichen Gebrauch keimfrei zu halten. An der Wirksamkeit von Chlor als Desinfektionsmittel besteht also ebenfalls kein Zweifel. Da Chlor aber immer den Nachteil beinhaltet, dass es mit organischen Substanzen das giftige Chloroform bilden kann (siehe auch Hinweise des Umweltbundesamtes zur Trinkwasseraufbereitung, Seite 26), wird hierbei sehr streng auf die Konzentration des Chlors und von organischen Verunreinigungen im Wasser geachtet.

Reines Chlor wird wohl kein Züchter je als Tränkenwasserdesinfektion einsetzen. Jedoch gibt es Verbindungen, die ähnlich wie Chlor in Wasser reagieren und auf sehr ähnliche Weise desinfizieren. Hierzu gehört die Hypochlorige Säure (auch schon einmal Hyperchlorige Säure genannt) und das Hypochlorit (das Salz der Hypochlorigen Säure).

Hypochlorige Säure kann durch Einleiten von Chlorgas in Wasser unter Entzug von Chlorid-Ionen erzeugt werden. Heutzutage ist aber die Erzeugung im Rahmen einer Chloralkalielektrolyse der gängige Weg. Eine Kochsalzlösung wird unter Gleichstrom gesetzt. An der Kathode scheidet sich Natrium ab, welches direkt zur Natronlauge weiterreagiert.

An der Anode scheidet sich Chlor ab, welches aber unter diesen Bedingungen (Anwesenheit von atomarem Sauerstoff) direkt zur hypochlorigen Säure weiterreagiert. Können sich die an Kathode und Anode entstandenen Substanzen miteinander vermischen, so bilden sie eine Natriumhypochlorit-Lösung.

Natriumhypochlorit Lösung ist ein altbekanntes Desinfektionsmittel und wird auch heute noch breit eingesetzt. Im Taubensport kannte man es früher auch unter der Bezeichnung "Javelwasser" (manchmal war es auch Kaliumhypochloritlösung, was aber keinen Unterschied macht). Es wurde von manchem Züchter zur Schlagdesinfektion genutzt und ebenso setzten einzelne Züchter auch damals schon sehr kleine Mengen davon dem Tränkenwasser zu.

Mit Javel, wenn es in großen Mengen zur Schlagdesinfektion eingesetzt wurde, gab es aber auch schon einmal Unfälle. Denn wenn zum Natriumhypochlorit Säure hinzu kommt, entsteht zunächst die Hypochlorige Säure, welche sich aber auch sehr schnell zu Chlorgas und OH- Ionen zersetzen kann. Und das entstandene Chlorgas ist nunmal nicht ungiftig für die Atmungsorgane.

Dennoch: Natriumhypochloritlösung ist prinzipiell zur Trinkwasserdesinfektion geeignet und sogar für die Trinkwasseraufbereitung für den menschlichen Verzehr zugelassen, wenn es in so geringen Mengen zugesetzt wird, dass nicht mehr als 0,3 mg/L Chlor daraus entstehen kann. Allerdings führt sein Zusatz oft zu einer Ausfällung von Kalk, da reine Natriumhypochloritlösung sehr stark alkalisch ist.

Wie gerade geschrieben ist Hypochlorit bzw. seine zugehörige Säure die Hypochlorige Säure eine instabile chemische Verbindung. Im Alkalischen (pH-Wert im Bereich 9-14) ist sie recht stabil und sehr lange lagerfähig. Im Neutralen (pH-Wert um 7) hingegen zerfällt die Substanz, wenn sie beispielsweise Licht ausgesetzt wird. Sie bildet dabei meist Chlorat und Salzsäure, was den pH-Wert noch weiter absenkt. Dadurch und generell im sauren (pH-Wert unter 5) ist die Hypochlorige Säure noch sehr viel weniger stabil und zerfällt relativ schnell und komplett zu Chlorgas und OH-.

Sprich eine sehr lange lagerfähige wässrige Lösung, die ausschließlich Hypochlorige Säure enthält gibt es nicht. Lange lagerfähige Lösungen sind nicht mehr sauer (meist sogar zumindest leicht alkalisch), und beinhalten dadurch (auch) das Hypochlorit anstelle der Hypochlorigen Säure, oder sie enthalten ggf. stabilisierende Zusatzstoffe. Im neutralen pH-Bereich sind ggf. wochen- bis monatelang haltbare Lösungen denkbar. Wenn bei der Chloralkalielektrolyse beispielsweise eine Vermischung der entstandenen Natronlauge mit der entstandenen Hypochlorigen Säure durch ein geeignetes Diaphragma verhindert wird, erhält man solche Lösungen, die auch keine Kalkauscheidungen erzeugen.

Wie dem auch sei: Ob Hypochlorit oder Hypochlorige Säure, sie beide wirken in Form eines Chlorierungsmittels (ebenso wie Chlorgas in der Trinkwasseraufbereitung) und damit sehr gut desinfizierend. Das heißt aber auch, es gelten für diese Substanzen die gleichen Rahmenbedingungen wie für Chlor:

Wird ein größerer Überschuß an Hypochlorit dem Trinkwasser zugesetzt, greift dieser die Schleimhäute und Körperzellen der Tauben an, wie jedes andere Oxidationsmittel auch. Bewegt man sich im Konzentrationsbereich der Trinkwasserzulassung, dann besteht diese Gefahr nicht! Also immer an die Dosierempfehlung der Hersteller halten, und nicht denken, viel hilft viel!

Kommt Hypochlorit/Hypochlorige Säure mit organischen Substanzen zusammen (z.B. Aminosäure-Präparate) wird das Desinfektionsmittel sehr schnell aufgebraucht und kann seine desinfizierende Wirkung nicht mehr ausüben. Leicht zu oxidierende Substanzen wie beispielsweise Vitamine werden in der Menge, in der Hypochlorit vorliegt, zerstört. Bei der Reaktion mit manchen organischen Substanzen entsteht sogar in geringen Spuren Chlororform (in diesen Konzentrationen jedoch unbedenklich).

Ein gemeinsamer Einsatz von Hypochlorit bzw. Hypochloriger Säure zur Trinkwasserdesinfektion und anderen Trinkwasserzusätzen (ausser rein anorganischen Elektrolytsalzen) sollte also unbedingt vermieden werden. Man erreicht keine Desinfektionswirkung mehr und zerstört ggf. auch noch teilweise Vitamine und Aminosäuren. Das Geld kann man also sparen.
Jede hierzu anderslautende Information eines Herstellers ist definitiv FALSCH!


Werbeschmarren
Es gibt gerade im Bereich der Brieftaubenprodukte immer mal wieder sehr mutige Aussagen von Herstellern und Vertreibern. Brieftaubenzüchter sind dies gewohnt, und sollte daher viele Aussagen einordnen können. Gerade im Zusammenhang mit Trinkwasserdesinfektionsmitteln auf Basis von Hyperchloriger Säure werden jedoch ein paar absolute Highlights formuliert, zu denen ich kurz Stellung nehmen möchte:

Ein Präparat wird mit den Begriffen "bio" und "Kraft aus der Natur" beworben. Zudem wird von einer besonderen "Aktivität" des Wassers gesprochen und dies mit dem Begriff "Fähigkeiten" verknüpft. Selten ist mir ein so frecher Etiketten-Schwindel wie hier begegnet. Die Zielkundschaft scheint der Hersteller wohl im Umfeld der Esotherik Fans zu vermuten. Was würden diese aber sagen, wenn man ihnen reinen Wein einschenken würde:

Die zur Herstellung benutzte Chloralkali-Elektrolyse und die entstandenen Produkte sind in Wirklichkeit der Inbegriff für Chemie schlechthin! So gehören beispielsweise die durch Chlorierung erzeugten Umweltgifte (wozu auch das Chloroform gehört) zu den Substanzen, mit denen der Mensch die größten Umweltschäden auf diesem Planeten angerichet haben. Wer also so argumentiert, dass z.B. elementares Chlor und Hypochlorit aus der Natur kommt, weil es ja aus Kochsalz gewonnen wird und auch wieder zu Kochsalz zerfallen kann, der macht jegliche Substanz auf diesem Planeten zur Natur gehörig (z.B.auch Dioxin und Atombomben). Das kann man natürlich tun. Aber in meinen Augen nutzt man hier geschickt anders besetzte Begriffe, um potentiellen Käufern bewußt einen gesunden Ökotouch vorzutäuschen.

Und den Begriff "Bio" noch hinzuzufügen grenzt sogar an Lüge! "Bio" ist abgeleitet von dem Wort Leben. Chlorchemie und auch Oxidationsmittel zur Desinifektion sind das absolute Gegenteil von "Leben" und damit von auch "Bio"!


Ein anderer Hersteller schildert, dass sein Mittel noch nennenswerte Mengen an elektrischen Ladungen ähnlich einem Gewitter enthalten würde. Und diese würden dafür sorgen, dass Bakterien schneller abgetötet würden. Wenn es so wäre, dass das Produkt tatsächlich einen Überschuß an elektrischer Ladung von der Andode übernommen hätte, würde man die sehr starke Anziehungskraft die von den geladenen Teilchen ausgeht, in Form von statischer Elektrizität an der Packungsaussenseite spüren (ähnlich einem statisch geladenen Kamm). Da die zu elektrischen Ladungen gehörige Wechselwirkung eine sehr starke Kraft erzeugt, müßte der Effekt sogar erheblich sein.

Solche Schilderungen gehören also in das Reich der Märchen. Das Produkt ist definitiv elektrisch neutral und enthält keinen derartigen erheblichen Ladungsüberschuß! Wenn nicht, schlage ich den Hersteller für die Erzeugung des weltersten elektrischen mono-Pols, noch dazu in wässriger Lösung, für den nächsten Physik-Nobelpreis vor.


Desinfektionsmittel auf Basis von Hypochlorit sind hochwirksam! Warum müssen also solche fachlich nicht haltbaren Formulierungen verbreitet werden? Ich kann die Notwendigkeit hierfür nicht sehen. Und zudem diskreditieren sich in meinen Augen die Anbieter hiermit selbst.



Preispolitik
Wie eingangs bereits geschrieben, bin auch ich dafür, über den Einsatz von Mitteln zur Trinkwasserdesinfektion zu bestimmten Phasen des Jahres zumindet einmal nachzudenken. Ich begrüße es daher ausdrücklich, dass es solche Produkte gibt.

Auch manche Hersteller dieser Zusatzprodukte sind der Meinung, mit ihrem Produkt dem Taubensport etwas besonders Gutes zu tun. So weit so gut. Doch wenn ich mir dieVerkaufspreise einzelner angebotenen Produkte so anschaue, und ich die dahinter stehenden eigentlichen Produktionskosten sehe, die ich als Chemiker sehr wohl einschätzen kann, bin ich schon überrascht.

Klar ist: Marketing, Vertrieb, Verpackung und manchmal auch Entwicklung und Zulassung kosten Geld. Und oft viel mehr, als Aussenstehende dies glauben mögen. So muß für Biozide in jedem Land eine Zulassung beantragt werden, und die kostet viel Geld. Eine Registrierungsnummer auf dem Produkt zeugt dann beispielsweise von diesem Aufwand. Klar ist aber auch, dass ich keinen Grund sehe, warum beispielsweise ein Liter Knoblauchmixtur teilweise fünfmal billiger sein soll, als manche Trinkwasserzusätze, deren Inhaltsstoffe nur einen kleinen Teil derer in der Knoblauchmixtur kosten. Oder auch wenn eine biozide Mixtur z.B. nicht als solche gekennzeichnet ist. Hat der Hersteller hier eventuell gar keine Zulassung erwirkt? Dann bleiben erst recht einige Fragen und nicht nur die nach dem hohen Verkaufspreis offen.

Jeder Hersteller soll für ein gutes Produkt mit dem entsprechenden Gewinn entlohnt werden. Aber es besteht auch kein Kaufzwang für den Kunden.

Sonntag, 31. Januar 2010

Zum Geleit

Soeben erreichte mich die sehr traurige Nachricht vom Tod eines wirklichen Sport-Freundes.

Lieber Michael,
ich hatte leider nur die Gelegenheit dich gerade einmal zwei Jahre kennenlernen zu dürfen. Doch selten zuvor ist mir ein Mensch mit einer derartigen Energie und einem derartigen Willen, etwas zu bewegen, begegnet. Deine Geradlinigkeit, deine Zielstrebigkeit und dein nahezu unbesiegbarer Optimismus haben mich tief beeindruckt.

Du hast gezeigt, dass man sehr viel bewegen kann, wenn man denn nur endlich damit anfängt. Auch Widerstände von Ignoranten oder Gegnern haben dich nicht ausbremsen können, denn du warst dir sicher, einen guten Weg zu beschreiten.

Bei all diesen Dingen war dir das Wohl der Gemeinschaft sehr wichtig. Du selbst hast hierfür viele auch persönliche Opfer gebracht und das auch noch zu einer Zeit, wo jeder andere wohl schon verzweifelt gewesen wäre.


Was uns nun bleibt, ist der Trost, das Glück gehabt zu haben, dich kennenlernen zu dürfen. Und die Aufgabe deinem Vorbild zu folgen, egal wie schwer die Umstände dazu auch mal sein mögen.

Meine Gedanken sind bei deinen Lieben, in der Hoffnung, dass sie genug Kraft in dieser schweren Zeit durch die Erinnerung an deine Stärke finde.

Dich wird man nicht vergessen!

Dienstag, 8. Dezember 2009

Der Riese unter den "Kleinen" (Teil 2)

Nachdem ich im ersten Teil versucht habe, den Einfluß, den Theo Gilbert mit seinen Tauben über mehr als vier Jahrzehnte auf den Taubensport hatte, darzustellen, möchte ich nun die eigentlich interessante Frage beleuchten:
Wie hat Theo Gilbert all dies schaffen können? Wie ist er als Züchter vorgegangen?

Fast 25 Jahre nach dem Tod von Theo Gilbert ist dies freilich ein fast aussichtsloses Unterfangen, zumal Theo Gilbert ein sehr öffentlichkeitsscheuer Züchter gewesen sein muß. Im Prospekt zu seinem Totalverkauf im Jahre 1985 sagt der Schwiegersohn Theo Gilberts, Georges Himpe, dass es gerade einmal drei überlieferte Interviews über Theo Gilbert gäbe, das erste von 1961, das letzte von 1983.

Man muß dies erst einmal wirken lassen: Ein Züchter von dieser herausragenden Klasse, und es gibt gerade einmal drei Interviews in über 40 Jahren erfolgreichen Taubensports! Damals schon extrem aussergewöhnlich, doch heute wohl nahezu undenkbar! Die drei Interviews sind mir leider nicht zugänglich gewesen, doch laut Prospekt der Totalversteigerung stimmten sie alle darin überein, dass die kleine Kolonie von Theo Gilbert von unvergleichlicher Klasse wäre, und dass es unzählige nationale Cracks und Super-Tauben gäbe, die auf Theo Gilbert zurückgingen. Das bestätigt uns zwar in unserem Urteil über die züchterische Leistung Gilberts, aber hilft uns bei der Analyse seiner Zuchtstrategie leider recht wenig.

Dank Georget Pappens liegt mir jedoch der komplette Prospekt der Totalversteigerung vor, die am 25.11.1985 anlässlich des Todes von Theo Gilbert in Beervelde stattfand. Besonders wertvoll sind seine Informationen deshalb, da in diesem Prospekt alle 45 Tiere
von Theo Gilbert zum Verkauf standen (inklusive aller Jungtauben war sein Bestand tatsächlich nicht größer!) und inklusive einer Beschreibung der Tauben und ihrer Abstammung aufgelistet waren. So erhalten wir eine Momentaufnahme des Gesamtbestandes von Theo Gilbert aus dem Jahre 1985, die ein paar fundierte Einblicke in das Vorgehen Gilberts in der Zucht zuläßt. Auch wenn nicht anzunehmen ist, dass ein Züchter, der über einen solch langen Zeitraum mit ähnlicher Bestandsgröße bis zu seinem Tod große Erfolge gefeiert hat, seine Methodik häufig oder gar sprunghaft geändert hat, kann Manches von dem, was nun folgt nur eine plausibele Vermutung sein.

Die Struktur des Bestandes
26 Tauben des Gesamtbestandes von 45 Tieren waren Jungtiere von 1985, somit also knapp 60% des Bestandes. Dies legt übrigens einen Winterbestand von nur knapp 20 Tieren nahe!! Desweiteren besaß er 10 jährige Tauben des Jahrgangs '84. Insgesamt waren also nur 9 Tiere bzw. 20% des Bestandes von Theo Gilbert zweijährig und älter. Diese 9 Tiere besaßen ein Durchschnittsalter von etwa knapp über vier Jahren, wobei ein 9-jähriger Vogel das älteste Tier darstellte. Zusammen mit den 10 jährigen Tauben hatten seine Alttiere also ein Durchschnittsalter von knapp drei Jahren.

Zu den Abbildungen:
Das Bild in Teil 1 zeigt Theo Gilbert im Alter von 89 Jahren.

Das Bild in Teil 2 oben zeigt das Elternpaar des "Rapido", des "Kupido" und des "Panter", im Folgenden "Paar 2" genannt

Das Bild zur Linken zeigt die Abstammung des "Panter" (durch einen Click erscheint es in voller Größe)

Das Bild unten zeigt einen Nachkommen von "Paar 2" auf meinem Schlag volle sieben Generationen später!


Die Zuchtpaare
Es scheint, dass Theo Gilbert zumindest in den letzten Jahren das Spiel mit Jungtauben und jährigen Tauben bevorzugt hat. Alle gereisten Tiere gingen auf nur sechs Paarungen zurück, die ich im Folgenden erläutern möchte:

Paar 1
Es wurde gebildet aus dem "Oude zwarte witpen" mit der Ringnummer 3044618/76 und der "Geschelpte Vanhoutteduivin" mit der Ringnummer 3391477/79. Der Vogel war damit die älteste Taube auf dem Schlage Gilberts und entstammte seiner "alten Sorte", was immer dies heissen mag. Das Weibchen hingegen war eine eingeführte Taube. Sie stammte aus zwei sehr erfolgreichen Tieren des Züchters Georges Vanhoutte aus Waregem, welches etwa drei Kilometer von Zulte entfernt liegt und war nicht mit den Tieren von Gilbert verwandt.
Das "Paar 1" war quasi das Basispaar des 1985 vorgefundenen Bestandes, denn insgesamt befanden sich 8 Kinder dieses Paares im Bestand (mehr als 1/6tel des Bestandes), wovon drei Kinder zur Zucht eingesetzt wurden, so dass sich 1985 zudem ingesamt 23 Enkel dieses Paares im Bestand befanden. Dieses Paar soll außerdem viele sehr gute Reisetauben gebracht haben

Paar 2
Der Vogel "Gouden zwarten sproetduiver" mit der Nummer 3354254/80 und die Täubin "Zwart bonte duivin" mit der Nummer 3354256/80 bildeten dieses Paar, welches Anfang der 80er belgienweit für Aufsehen sorgte. Sie sind die Eltern des "Rapido", des "Kupido", des "Panter", die sich zum Zeitpunkt der Versteigerung bereits seit ein paar Jahren auf dem Schlag von Verstraete befanden. Wie hoch aber auch Theo Gilbert selbst dieses Paar einschätzte, sieht man daran, dass insgesamt 15 Kinder dieses Paares (also 1/3tel des Bestandes) auf seinem Schlage saßen. Davon nutzte er zwei Kinder und zudem noch einen Enkel des Paares zur Zucht, dreizehn Kinder dieses Paares nutzte er also für die Preisflüge!
Der Vogel dieses Paares war ein direkter Sohn des "Paares 1". Die Mutter entstammte wiederum seiner "alten Sorte" und war wohl eine Tochter eines "Kampjoentje v. 72", was darauf hindeutet, dass zumindest ihr Vater selber ein sehr guter Flieger war.

Paar 3
Hierbei handelt es sich um eine Verpaarung von "Fremd" x "Paar 1"
Es befanden sich vier Jungtauben als einzige Nachfahren dieses Paares im Bestand.

Paar 4
Dies war eine Verpaarung "Paar 2" x "(Alte Sorte x Fremd)"
Es befanden sich als einzige Nachfahren drei Jungtauben im Bestand

Paar 5
Hier war "Fremd" x "Paar 2" verpaart. Es befanden sich ebenfalls nur drei Jungtauben als einzige Nachfahren im Bestand

Paar 6
Hier paarte er Nichte an Onkel nämlich "Paar 1" x "Paar 2". Dies war übrigens die engste Paarung die er durchführte. Aus diesem Paar befanden sich fünf Jungtiere als einzige Nachfahren im Bestand.

Die Interpretation
Dies war also der gesamte Bestand von Theo Gilbert im Jahre 1985. Folgende Dinge sind bei genauer Betrachtung seines Bestandes und der beschreibenden Texte im Verkaufsprogramm bemerkenswert:

- Sein Winterbestand betrug wohl nur knapp 20 Tiere!

- er züchtete somit jährlich gemessen an seinem Kleinstbestand ausgiebig und behielt nur grob 1/3tel dieser Jungtiere nach der Saison. Bei einem besonders schönen Tier aus seinem besten Paar machte er jedoch auch schon einmal eine Ausnahme und testete es sogar direkt in der Zucht, ohne es zuvor auf der Reise zu testen

- Theo Gilbert konzentrierte sich pro Generationsintervall (damit meine ich alle drei Jahre, da das Durchschnittalter seiner Alttiere ja ca. drei Jahre betrug) jeweils nur auf genau ein einziges Zuchtpaar! Dessen Nachtzucht mußte nicht nur gut oder sehr gut sein, sondern überragend! So wie dies bei "Paar 1" Ende der 70er der Fall war und später ab 1982 bei "Paar 2", welches wohl seither sein Stammzuchtpaar wurde.

- Aus diesem Stammzuchtpaar züchtete er jeweils sehr ausgiebig. Diese Nachzucht hatte offensichtlich Priorität vor allen anderen Zuchtpaaren. Es bereitete ihm keine Sorge, dass sogar ein Drittel seines Bestandes direkte Nachzucht dieses Paares war. Denn es war eben sein absolut bestes Zuchtpaar!

- diese besten Zuchtpaare wurden nicht getrennt und blieben zusammen bis ins hohe Alter. Auch aus einem sechsjährigen Weibchen und einem neunjährigen Vogel zog er noch ausgiebig.

- Kinder seines Stammpaares paarte er dann an eingeführte nicht verwandte Tiere oder an Tiere, die einer Paarung "eigene Sorte" x "Fremd" entstammten. Wobei "eigene Sorte" hier einen direkten Verwandten der Eltern des Stammpaares meint, so dass dieses Tier nicht komplett auf zugeführte Tauben zurückgeht.

- Er führte nahezu jährlich eine fremde Taube von außen ein, die nicht mit seiner Sorte verwandt war, jedoch erstklassige Qualität besaß. Dies meint ein sehr gutes Reisetier oder ein direktes Kind solcher erstklassigen Reisetiere.

- Diese verschiedenen eingeführten Tauben waren jedoch nicht zueinander verwandt.

- die eingeführten Tauben wurden in der Zucht zwei, maximal drei Jahre lang getestet und zogen dabei jährlich drei bis vier Jungtiere.

-Das beste so gezogene Kreuzungstier durfte im Bestand verbleiben und wurde nun in die eigene Sorte (also z.B. Kinder oder Enkel des Stammpaares) zurückgepaart. Ein eingeführtes Tier durfte nur dann verbleiben, wenn die Nachzucht sehr sehr gut war.

- Insgesamt befanden sich nur jeweils drei eingeführte Tiere und drei Kreuzungstiere der F1-Generation im Bestand. Der Rest des Bestandes ging direkt auf das Stammpaar oder frühere Generationen der eigenen Sorte zurück.

- Durch dieses Vorgehen war eine Onkel x Nichte Paarung die engste mögliche Verpaarung. Ein Inzuchtkoeffizient von 12,5% wird unter diesen Umständen niemals überschritten, und auch dieser Maximalwert tritt dann nur bei Einzelpaarungen auf und repräsentiert nicht den Inzuchtdurchschnitt des Bestandes. Durch die jährliche Einführung von einer fremden Taube konnte Gilbert so auch über -zig Jahrzehnte eine steigende Inzucht in seinem Kleinstbestand verhindern. Ein Abfall der Reiseleistung durch Inzuchtdepression stellte damit für seinen Bestand keine Gefahr dar.

- Gleichzeitig beschränkte Gilbert die Gesamtzahl der eingeführten Tiere und der Tiere die in erster Generation aus diesen eingeführten Tieren hervorgingen auf sehr wenige Tiere. Aus denen er dann in Rückpaarung mit seiner Sorte ein neues Stammpaar suchte.

Eventuell hierdurch konnte er den Grundcharakter seiner Tiere über einen so langen Zeitraum erhalten. Denn es ist sehr auffällig, wie ähnlich seine Tauben in den 40er Jahren von Piet de Weerd beschrieben wurden (groß, dunkel mit weißen Federchen, braune Augen, beste Eignung für die Mittelstrecke), und wie sehr dies in den 80er Jahren noch auf die Leistungsträger des Schlages Gilbert zutraf. Deutlich wird dies, wenn wir uns die Abbildung des "Paares 2" und die Abbildung des "Panter" anschauen. Es sind auch hier dunkele, praktisch schwarze Tauben, die neben ein paar weißen Federchen am Kopf noch einzelne Scheckfedern besaßen. Auch die Gilberttäubin von Michel Nachtergaele soll eine schwarze Täubin gewesen sein und ihr bester Sohn (ebenfalls schwarz) bekam den Namen "Witterugge" (Weißrücken) was auch hier das Vorhandensein weißer Federn signalisiert.

Auffällig: Die Äußere Erscheinung der Tauben von Theo Gilbert
In meinen Blog-Beiträgen zur Populationsgenetik habe ich darauf hingewiesen, dass Tauben vierzig Chromosomenpaare besitzen, und dass die leistungstragenden Eigenschaften durch die additive Wirkung einer Vielzahl von Genen bestimmt werden, die sich auf viele verschiedene Chromosomen verteilen können. Aus diesem Grunde ist es gefährlich von einem äußerlichen Merkmal einer Taube, wie z.b. ihrer Gefiederzeichnung oder Gefiederfarbe auf Leistungseigenschaften der Taube schließen zu wollen, da eine solche Äußerlichkeit meist nur von einem Gen bestimmt wird und damit auf nur einem der vierzig Chromosomen lokalisiert ist. Und ob gerdae auf diesem Chromosom ebenfalls auch ein für Taubenleistung wichtiges Gen lokalisiert ist, ist dann mehr als unsicher.

So hat sich z.B. gezeigt, dass die Gefiederfarbe "dominant rot" über ein Gen erzeugt wird, welches auf dem männlichen Geschlechtschromosom der Taube sitzt, von dem ein Vogel zwei und eine Weibchen eines besitzt. Da aber zwischen Vögeln und Weibchen keine signifikanten Unterschiede in den Reiseleistungen zu finden sind, und wenn überhaupt, dann eher zu Lasten der Vögel, und da zudem die Zuchtleistungen von sehr guten Reise-Weibchen nicht hinter denen von Vögeln zurückstehen, scheint das männliche Geschlechtschromosom also als Träger von wesentlichen leistungstragenden additiven Genen bei Tauben auszufallen (siehe auch hier).

Da ein Chromosom für gewöhnlich als Ganzes vererbt wird, und Gene des Geschlechtschromosoms immer nur auf dem Geschlechtschromosom sitzen und auf keinem anderen Chromosom (
Mutationen einmal nicht betrachtet), kann also mit der dominant roten Färbung von Tauben keine relevante Leistungseigenschaft gekoppelt vererbt werden.
Sprich: Bei Nachfahren von dominant roten Tauben ist es unerheblich, ob die Kinder ebenfalls rot sind. Sie könnten dennoch über alle guten Eigenschaften des Elterntieres verfügen, auch wenn sie einfach nur gehämmert oder blau ausfallen.

Bei den Tauben von Theo Gilbert ist jedoch eines besonders auffällig: Die immer vorhandene schwarze Färbung, ggf. sogar in Kombination mit weißen Federchen. Diese Kombination tritt seit den 40er Jahren bei seinen Tieren immer wieder auf. Und dies sogar bei Tauben, die nur der entfernten Nachzucht seiner Tauben entspringen, wie die Abbildung einer Taube auf meinem Schlag (letzte Abbildung) hier deutlich zeigt.

Dies könnte natürlich daran liegen, dass Theo Gilbert immer darauf geachtet hat, dass seine Hauptzuchttiere diesem Färbungstyp entsprachen. Doch war Theo Gilbert ein extrem leistungsorientierter Züchter, was auch die Erfolge seiner Tauben beweisen. Er hätte sicher keine Tauben auf seinem Schlage belassen, wenn sie keine Leistung gebracht hätten, nur weil sie schwarz waren. Und wie der Verkaufsprospekt zeigt, scheute er auch keineswegs davor zurück blaue und gehämmerte Tiere einzuführen, wenn nur die Leistung stimmte.

Ebenso war es bei Michel Nachtergaele. Seine Gilberttäubin war dunkel. Die wichtigsten Kinder dieser Täubin waren dunkel und die Leistungsträger, die bei seiner Jungtaubenversteigerung von 1956 aufgeführt wurden, gingen ebenfalls auf die Gilberttäubin zurück und waren meist dunkel.
Georget Pappens schickte mir all diese Unterlagen, da sein Vater selber Ende der 50er Jahre einen Enkel des "Coppi" von Nachtergaele einführte, der schwarz war. Zu dieser Zeit saßen im Bestand seines Vaters in überwiegender Zahl blaue und gehämmerte Tauben. Die wenigen Dunkelen gingen auf den Nachtergaele-Vogel zurück, wie ein Verkaufsprospekt von 1962 zeigt.
Siebzehn Jahre später, 1979 versteigerten G. und H. Pappens wiederum Tauben. Sie hatten sehr gute Erfolge vorzuweisen, ihre Tauben waren also in der Zwischenzeit eindeutig nach Leistung selektiert worden. Doch nun plötzlich befanden sich -zig schwarze und dunkele Tauben im Bestand mit sehr guten Flugleistungen und sie gingen alle auf den eingeführten dunkelen Vogel von Nachtergaele zurück!

Die schwarze bzw. dunkele Zeichnung vererbt sich gegenüber gehämmert und zweibindig-blau dominant. Dies bedeutet, dass der Nachwuchs einer spalterbig dunkelen Taube zu 50% ebenfalls dunkel sein wird. Und ebenso, dass sich aus Paarungen mit nicht dunkelen Tieren die dunkele Zeichnung nicht mehr hervorspalten kann. Was weg ist, ist weg. Somit sollte diese dunkele Zeichung in einem Bestand bei stetiger Zufuhr von blauen und/oder gehämmerten Tieren langsam in Unterzahl geraten und irgendwann sogar nahezu verschwinden.

Sie tat es aber nicht! Weder im Bestand von Michel Nachtergaele, noch im Bestand von Theo Gilbert. Und die dunkele Zeichnung verbreitete sich sogar zunehmend im Bestand von G. und H. Pappens. All diese Züchter waren jedoch stark leistungsorientierte Züchter und führten ständig "nicht dunkele" Tiere in ihren Bestand ein. Somit liegt in diesem speziellen Fall tatsächlich eine Kopplung von wertvollen Leistungseigenschaften der "Gilbert-Tauben" mit der dunkelen Färbung vor.

Sprich auf dem Chromosom, auf dem das Gen dieser Färbung sitzt, sind ebenso wichtige Gene (oder ev. auch nur eines) zu finden, die einen wesentlichen Teil der Leistungsfähigkeit dieser Tiere bestimmen. Anders ist es nicht zu erklären, wie sich diese dunkele Zeichnung über nunmehr zwanzig Generation vom "Oude Zwarte" Theo Gilberts aus den 40ern des letzten Jahrhunderts bis heute gehalten hat. Und dies bis hin zu Jos Vercammen, einem Züchter der auf die Leistung der Tiere schaut und eben nicht auf die Färbung und der seit der Einführung seines "Panter v. 86" fast ausschließlich anders gefärbte Tiere eingeführt hat. Dennoch, seine allerbesten Zuchttiere aus der Linie des "Panter" sind auch heute noch dunkel bis schwarz und weisen teilweise weiße Federn auf.

So eine hier auftretende Kopplung einer leicht zu erkennenden äußerlichen Eigenschaft mit leistungsbestimmenden Eigenschaften ist ein absoluter Glücksfall für den Züchter. Denn neben den Kriterien der Selektion über Flugleistung, Vitalität und Verhalten hat er hierdurch ein zusätzliches Kriterium, das er zur gesicherten Fortführung seiner Leistungslinie nutzen kann.
Und ich bin mir sicher, Theo Gilbert hat diesen Zusammenhang über all die Jahre zu seinem Vorteil zu nutzen gewußt.


An dieser Stelle muß aber noch einmal davor gewarnt werden, diese Besonderheit der Gilbert-Tauben zu verallgemeinern. Erstens meint dies nicht, dass alle ebenso dunkel gezeichneten Tauben gute Anlagen haben, denn wenn sie einer anderen Familie entstammen, könnte das entsprechende Chromosom komplett anders besetzt sein, und so z.B. auch eine negative Eigenschaft auf dem selben Chromosom der dunkelen Färbung liegen. Andererseits gibt es natürlich ganz sicher auch dasselbe Chromosom ohne jenes Gen für die dunkele Färbung, aber dennoch mit den anderen für die Leistung so positiven Genen. Auch blaue oder gehämmerte Tiere erringen schließlich aussergewöhnliche Leistungen. Und der "Klaren" von Desmet-Mathys war beispielsweise auch "nur" ein gehämmerter Vogel, hat also dieses Chromosom wohl nicht von seiner dunkelen Mutter erhalten, dafür aber ein zumindest gleichwertig gutes von seinem Vater, sonst wäre er nicht so ein prägender Vererber geworden.

Auf alle Ewigkeit sicher kann sich ein Züchter jedoch auch bei Entdeckung einer solchen Kopplung nicht sein, denn durch ein sogenanntes "crossing over" kann dieses schöne Paket an Eigenschaften, welches dort auf einem Chromosom konzentriert sitzt, wieder aufgeschnürt werden (siehe dazu hier). Auf eine stetige Zuchtprüfung durch den Korb, kann also auch dann nicht verzichtet werden.


Wie dem auch sei, hatte ich schon geschrieben, dass dunkelgehämmert bis schwarz zu einer meiner Lieblingsfärbungen bei Tauben gehört?

Freitag, 4. Dezember 2009

Der Riese unter den "Kleinen" (Teil 1)

Von Züchtern, die einen sehr guten Vererber besitzen, dessen Nachzucht atemberaubende Ergebnisse einfliegt, hörten wir alle schon einmal. Seltener ist es dann schon der Fall, dass die Nachzucht dieses Vererbers gleich auf mehreren verschiedenen Schlägen Außergewöhnliches zu Wege gebracht hat.
Doch wie oft haben wir schon von Tauben gehört, die ganze Schläge über Jahrzehnte geprägt haben? Das ist schon sehr selten. Wie oft hat aber unter diesen Fällen ein und die selbe Sorte Tauben eine ganze Hand voll von nationalen Spitzenzüchtern und sogar eine "Rasse" mit Weltruf hervorgebracht? Nun, spätestens jetzt müssen wir schon sehr genau nachdenken, um solche Fälle zu finden. Wenn wir dann noch fordern, dass die Tauben dieses Züchters, dieses Kunststück über einen Zeitraum von über 40 Jahren immer wieder fertig brachten, und dies sogar noch viele Jahre über die aktive Laufbahn des Züchters hinaus, dann fällt uns wohl nur noch der Schlag der Gebrüder Janssen ein. Doch spätestens mit folgender letzten Forderung sind auch die ehrwürdigen Gebrüder aus Arendonk aus dem Rennen: Der Züchter soll ein "Kleiner" sein, mit einem Bestand inkl. Jungtieren von weniger als 50 Tieren!

So etwas gibt es nicht? Doch! Es gab diesen bemerkenswerten Züchter, sein Name war Theo Gilbert aus Zulte.

Vor etwas mehr als einem Jahr gelangte ich in den Besitz von drei Tauben eines belgischen Spitzenschlages, der seit Jahrzehnten dort auf höchstem sogar nationalem Top-Niveau spielt. Da die drei Tauben aus den absoluten Top-Zuchttieren dieses Schlages stammten, habe ich sie eingeführt, obwohl mir ihr Äußeres eigentlich gar nicht so sehr zusagte, sie waren nämlich sehr dunkel gehämmert bis Schwarz, bzw. Schwarzschecken. Und diese Färbung hat mich nie besonders gereizt. Zudem waren sie recht groß und besaßen kastanienfarbene bis gelbbraune Augen. Auch dies gehört, wenn ich ein Wunschkonzert hätte, nicht gerade zu meinen Favoriten unter den Äußerlichkeiten. Doch die Leistung der direkten Verwandschaft und des Ursprungsschlages lassen mich über solche Nebensächlichkeiten gerne "hinwegsehen".

Beim Studieren der Abstammung der Neuerwerbungen, fiel mir sehr schnell auf, dass sie alle teils mehrfach auf eine Ursprungstaube zurückgingen, die man absolut zurecht als Stammtaube dieses belgischen Schlages bezeichen kann. Und diese Taube war der bekannte "Panter" von Jos Vercammen. Und er wurde ausgewiesen als ein Enkel des "Oude Panter v. 81" von, nun dies ist jetzt unschwer zu erraten: Theo Gilbert.
Eigentlich interessiert es mich gar nicht, was vor fünf, sechs Generationen im Stammbaum einer Taube steht, die aktuelle Verwandschaft ist mit ihrer Leistungsdichte entscheidend! Aber den Namen Theo Gilbert hatte ich doch schon früher einmal gelesen. War nicht die Mutter des "Klaren", der weltberühmten Stammtaube von Valère Desmet aus Nokere auch von einem Züchter gleichen Namens? Valère Desmet gründete auf Basis dieses "Klaren" ab Mitte der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts seine "Taubenrasse" namens Desmet-Mathys, die mehrere Jahrzehnte weltweit für Furore sorgte.

Konnte das wirklich sein? Ein und derselbe Züchter hat in einem Abstand von über 40 Jahren zwei Weltklasse Kolonien quasi mitbegründet, und dennoch spricht man heute kaum über ihn und findet auch kaum ergiebige Informationen über ihn? Dieser Frage wollte ich nachgehen und natürlich auch, wie es diesem Theo Gilbert gelungen ist, über eine solch lange Zeit derartig durchschlagende Tauben zu züchten. Nach einiger Recherche und dank der Hilfe des belgischen Sportfreundes Georget Pappens (noch einmal vielen Dank an dieser Stelle, Georget) ergab sich für mich ein klareres Bild dieses aussergewöhnlichen Züchters. Theo Gilbert und das, was ich über seine Zuchtmethode herausfinden konnte, sind es mehr als wert, an dieser Stelle vorgestellt zu werden.

Beginnen wir in den 40er Jahren. Theo Gilbert besaß zu dieser Zeit mehreren Quellen zufolge (
z.B. Piet de Weerd Rauschende Flügel, S.76) einen erstklassigen Vererber: Den "Oude Zwarten". Über den Ursprung der Tauben von Theo Gilbert läßt sich jedoch wenig herausfinden.
Hier ist die Quellenlage sehr schlecht. Falls jedoch de Weerd und Edward Baeten ("De witte veer") recht haben, dann könnten seine Tauben letztendlich auf Tauben von Theo Vandevelde zurückgehen, die über die Gebr.Delombaerde und Vic Biebuyck ihren Weg bis zu Theo Gilbert fanden. Die Tauben von Theo Vandevelde haben auch einen wichtigen Anteil am Aufbau der Kolonien von Charles Vanderespt und der Gebr. Cattrysse geleistet.

Zurück zum "Oude Zwarten": Eine schwarze Tochter dieses Vogels ging zu Michel Nachtergaele ebenfalls wohnhaft in Zulte. Aus ihr zog er in kurzer Folge den "Frullen", den "Coppi", den "Witterugge" und noch einige weitere absolute Toptauben. Diese Tauben erflogen über eine Million Belgische Franc an Preisgeldern und dabei auch -zig erste Preise. Der "Coppi" und auch der "Witterugge" galten zusammen mit dem "Klaren" von Desmet-Matthijs als die besten Mittelstrecke-Tauben, die bis dahin in Belgien geflogen hatten. Michel Nachtergaele war durch die Nachzucht dieser Täubin und des "Coppi" und "Witterugge" über Jahre hinweg bis weit in die 50er Jahre hinein ein absoluter Spitzenschlag in Belgien. Da auch er nur einen überschaubaren Bestand besaß, gingen in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren fast alle seine Tauben auf diese Stammtäubin von Theo Gilbert zurück. Dies beweist ein mir vorliegender Katalog einer Jungtaubenversteigerung, die Nachtergaele 1956 in Kortrijk abhielt.

Doch Nachtergaele profitierte nicht als einziger von diesen Tauben. Ein Belgier Namens Georges Busschaert besaß Töchter und Söhne des "Coppi" und des "Witterugge" und mit dem "Fijnen" einen direkten Sohn der Gilbert-Täubin Nachtergaeles. Mit diesen Tauben siedelte Busschaert aus beruflichen Gründen nach Kent in Großbritannien über und begründete dort den erfolgreichsten und bekanntesten Schlag, den es in Großbritannien je gegeben hat. Alan Wheeldon schreibt sogar, es gäbe keinen einzigen Züchter in Großbritannien, der nicht wenigstens einmal Buschaert-Tauben auf dem Schlag gehabt hätte.

Der "Oude Zwarten" von Theo Gilbert brachte mit einem anderen Weibchen eine weitere Tochter, die berühmt werden sollte: Die "Frulle", eine "enorm große, breite, flachgebaute imponierende Ente, aber ohne Gewicht." Sie war dunkel, hatte einige weiße Federchen in den Augenwinkeln und besaß bräunliche-dunkele Augen. So wurde sie von Piet de Weerd beschrieben (
Prof. Alfon Anker "Die Kunst des Züchtens", S.258). Sie besaß die Ringnummer B-38-3363097 und wurde gepaart an den "Oude Rosten". Aus dieser Paarung fiel dann der besagte "Klaren" mit der Ringnummer B-46-3060539. Er erfolg in sechs Jahren nicht nur 64 Preise bei 66 Einsätzen, sondern lag dabei 52 mal im ersten Zehntel der Tauben, 19mal im ersten Prozent und errang 489.499 Belgische Franc an Preisgeld.

Doch als Zuchtvogel war der "Klaren" noch besser. Und so konnte Valère Desmet basierend auf ihn einen Taubenstamm gründen, der unter dem Namen "Desmet-Mathys" weltbekannt werden sollte. Doch die Mutter des Klaren, war bei weitem nicht die einzige Taube von Theo Gilbert, die Desmet zur Bildung seines Stammes einsetzte. Laut Jules Gallez (
"Die Geschichte der Belgischen Reisetaube Teil I", S.309 ff) kamen darüber hinaus die "Roste duivin", die "Gilbert duivin" mit der Nr. B-45-234258, der Vater des Witoog direkt von Gilbert, und ein eingeführter Vogel von Gentil Rijsman war ebenfalls ein "halber Gilbert". Ob über diese fünf Gilbert Tauben hinaus weitere Gilbert Tauben am Aufbau des Stammes von Desmet-Mathys beteiligt waren, geben meine Quellen nicht her, wohl aber, dass Valére Desmet diese Tauben teils mehrfach im Stammaufbau durch gezielte Inzucht verankert hat. Wären es die 70er Jahre gewesen und Theo Gilbert wäre so populär gewesen, wie seinerzeit die Gebrüder Janssen, würde ich fast annehmen, dass der Stamm von Valére Desmet wohl eher nicht den Namen "Desmet-Mathys" bekommen hätte, sondern voller Stolz als Filialschlag von Theo Gilbert bezeichnet worden wäre. Doch Theo Gilbert war ein kleiner und offensichtlich sehr bescheidener Züchter, der keinen Wert auf Publicity legte.

Nun, nicht nur die direkten Kinder des Oude Zwarten von Theo Gilbert beeinflußten den Taubensport nachhaltig. Seine Tauben waren auch in den folgenden Jahrzehnten am Aufbau von nationalen Spitzenschlägen in Belgien beteiligt. Mitte der 50er Jahre bis hinein in die 70er wurden die Gebrüder Debaere aus Nokere durch ihre Erfolge weltberühmt. Auch ihre Tauben gingen auf die Stammlinie des Klaren von Desmet-Mathys und zahlreiche eingeführte Tauben von Theo Gilbert zurück (
Victor Vansalen "So züchten Meister", S. 125).

In Waregem reiste Jozef Verheye Jahre lang auf höchstem Niveau. Auch sein Schlag ging auf die Tauben von Theo Gilbert zurück. Er selbst bezeichnete sich im Totalverkaufsprospekt Theo Gilberts als eine Art Filialschlag von Theo Gilbert, dem er seine Erfolge zu verdanken habe.

Und schließlich in den 80ern machten wiederum drei direkte Theo Gilbert Tauben auf sich aufmerksam:
Der "Rapido" wurde 1. provinzale As-Taube Fond in Ost-Flandern mit dem Rekord-Koeffizienten von 0,59% und drei 1. Preisen ab Tours, sein Vollbruder der "Panter" (es ist dies der oben genannte "Oude Panter v. 81") gewinnt zweimal einen 1. Preis ab Orleans auf Provinzial-Ebene und ein weiterer Vollbruder der "Kupido" macht sich als sehr guter Zuchtvogel bei Raoul und Xavier Verstraete einen Namen. Auch der "Rapido" und der "Panter" wurden von Verstraete gekauft und sie sollten zu Stammtauben ihres Schlages in dieser Zeit werden. Aber nicht nur bei Verstraete sorgten diese Tauben in den 80ern und frühen 90ern durch die Erringung mancher nationaler Ehren für Aufsehen. In den Niederlanden wurde beispielsweise mit dem NL-89-2729024 genannt "Eurostar" (
offensichtlich ein beliebter Name) ein Verstraete-Vogel mit Rekordpunktzahl erste nationale As-Taube der Mittelstrecke. Und dieser Vogel war ein Enkel des "Rapido".

Alfons Slaets besaß einen Nachfahren des "Oude Panter v. 81". Und dieser Vogel gewann im direkten Vergleich gegen Tauben von Jos Vercammen. Dies schaffte sonst kaum einer, somit war für Jos Vercammen klar, welche Taube er kaufen mußte, um sich zu verstärken: eben genau diesen "Panter von 86" von Alfons Slaets. Darüber hinaus kaufte er noch weitere Nachkommen des "Oude Panter" und des "Rapido" direkt bei Verstraete und baute darauf seine bis heute an der nationalen Spitze in Belgien reisende Kolonie auf. Jüngstes Beispiel für diese Leistungsstärke ist die Erringung des 1. und 2. Preises national 2009 auf dem prestigeträchtigsten Flug von ganz Belgien: Dem Nationalflug Bourges. Ihre Tauben waren die zwei schnellsten gegen 64.621 Tauben. Im Stammbaum des Vaters des Nationalsiegers taucht der "Panter" viermal auf und im Stammbaum des 2.national taucht der "Panter" sogar fünf mal auf.

Michel Nachtergaele, Georges Busschaert, Desmet-Mathys, Gebr. Debaere, Jef Verheye, Alfons Slaets, R. und X. Verstraete, Jos Vercammen und seine eigenen Erfolge, was meinst du, lieber Leser: Habe ich im einleitenden Absatz übertrieben, was die Leistungen und den Einfuß der Tauben von Theo Gilbert betrifft? Ich glaube nicht.

Im zweiten Teil werde ich versuchen der Zuchstrategie von Theo Gilbert auf die Spur zu kommen.