Sonntag, 28. September 2008

Populationsgenetik für Taubenväter (Teil 8)

Die Zucht von guten Brieftauben ist nicht ohne Grund eine große Herausforderung. Wie im vorherigen Teil beschrieben, ist unser Ziel, Asse zu züchten, immer auch von Umweltfaktoren abhängig. Das Klima auf dem Schlag, die Art und Qualität der Versorgung, das Wetter auf den Flügen, die Trainingsmethoden, all diese Umweltfaktoren wirken sich auf das Flugergebnis einer Brieftaube aus. Aus genau diesem Grunde ist aber die Bewertung der Qualität einer Brieftaube so schwierig. Denn es entscheidet nicht nur das genetische Potential, ob die Taube das Zeug zum As hat, sondern auch, ob und in welchem Umfang dieses Potential abgerufen wird.

Millionen von Kindern aus As-Tauben wechselten in der Geschichte des Taubensportes sicher schon den Besitzer, ohne bei ihrem neuen Besitzer (unter anderen Umweltbedingungen) jemals eine gute Reisetaube, geschweige denn ein As gebracht zu haben. Dies verdeutlicht sehr klar die starke Bedeutung von Umweltfaktoren in der Zuchtprüfung von Brieftauben. Hieraus zu schließen, man könne die Genetik und ihre Erkenntnisse für die Brieftaubenzucht dann schließlich auch vergessen, wäre aber ein fataler Fehler. Denn dass etwas schwierig ist, bedeutet nicht, dass etwas unmöglich ist. Zudem zeigt ein Blick in die Stammbäume der meisten As-Tauben, dass sehr gute Leistungen eben doch vererblich sind. Sehr oft sieht man hier in allen Generationen der Vorfahren Top-Tiere mit überdurchschnitlichen Leistungen als Reise- oder Zuchttier. Eine As-Taube, deren Vorfahren schon über Generationen keinen Leistungsnachweis erbrachten ist mir persönlich noch nicht begegnet.


Klare, reproduzierbare Kriterien bei der Zuchtprüfung
Eben weil die Umwelt einen so starken Einfluß auf die Leistungen unserer Brieftauben hat, sollten wir bei der Bewertung der Eigenschaften, auf die wir Züchten wollen, versuchen Umweltabhängigkeiten zu minimieren. Es ist daher gefährlich den Zuchtwert einer Taube ausschließlich über die Flugleistung der Tauben abzuschätzen, und erst recht dann, wenn man Flugleistungen von Tauben auf verschiedenen Schlägen und sogar aus verschiedenen Reisejahren vergleicht. Alternativ hierzu ist ein Ranking der Tauben innerhalb eines Schlages, die alle das gleiche Reiseprogramm bei gleichem Wetter absolvierten, unter Einbeziehung anderer Faktoren viel aussagekräftiger.

Ich mache es bei mir so, dass ich in Bezug auf die mir wichtigen Zuchtziele (siehe Teil 7) während einer Saison Punkte verteile. Wer in einem Kriterium eine auffälig gute Leistung erzielte bzw. ein auffällig positives Verhalten zeigte, bekommt hier Punkte. Immer wenn beispielsweise etwas Neues zu erlernen ist, bekommen die Tauben, die als erste "ins kalte Wasser zu springen" und es begreifen einen Punkt für Intelligenz. Reiseleistungen werden immer auch relativ zu ihren Schlagkameraden beurteilt. Dadurch versuche ich Umwelteinflüsse, wie eine besonders gute Reiseform auf dem Schlag, das Wetter auf den Flügen, verkrachte Flüge, ..., die ja immer alle Reisetauben eines Schlages betreffen,in der Bewertung zu eliminieren.

Aussergewöhnliche Flüge, wie z.B. Unwetterflüge oder "Verkrachte" werden genutzt, um Punkte für Ausdauer/Regenerationsvermögen und besondere Orientierungsfähigkeit zu vergeben. Flüge mit sehr ungünstigem Wind werden genutzt um Punkte für Orientierungsvermögen und Intelligenz zu vergeben. Das Verhalten während des Eingewöhnens von Jährigen auf dem neuen Schlag, und ebenso das Verhalten während der Brut werden genutzt, um Punkte für das Revierverhalten zu vergeben. Die Tiere werden also ganzjährig beobachtet und Punkte für die einzelnen Zuchtziele verteilt.

Wenn es um die Anpaarung geht, werden die Paare so zusammengesetzt, dass in ALLEN Zuchtzielen, eine möglichst hohe Punktzahl erreicht wird. Bei den Zuchtzielen wird keine Ausgleichspaarung betrieben, da ich dort ja eine fortschreitende Verbesserung erzielen möchte. In Bereichen, die nicht zu meinen Zuchtzielen gehören, wie z.B. bestimmte Körperproportionen, wird hingegen Ausgleichszucht betrieben, um hier keine Extreme zu produzieren.

Wenn Tauben von andern Schlägen eingeführt werden, versuche ich die Schläge so auszuwählen, dass die Auswahlkriterien auf diesem Schlag meinen ähneln. Ich würde z.B. nie eine Taube von einem Schlag einführen, der bevorzugt nach Augenzeichen selektiert, da ich an so etwas nicht glaube. Auf der anderen Seite habe ich Tauben eines belgischen Züchters eingeführt, der seine Tiere sehr häufig auf über 500km schickt, hohe Anforderungen an das angeborene Orientierungsvermögen der Tiere stellt, da er das Streckentraining kaum praktiziert, und eine Randlage in seinem Club besitzt. Alles ähnliche Anforderungen, die ich meinen Tauben auch stelle.


Top-Vererber
All dies machen wir, um dem Zufall in der Zucht eine gewollte Richtung zu verleihen. Doch machmal gibt es Tauben, die scheinen ganz besonders und sehr viel mehr als andere Tauben, ihre Eigenschaften auf die Nachkommen zu vererben. Wie kann das sein, wo wir es doch, wie in früheren Teilen gezeigt, mit einer zufälligen Verteilung der Gene der Eltern auf die Kinder zu tun haben? Auch sind die allermeisten Qualitäten, auf die wir bei Brieftauben züchten müssen, quantitative d.h. durch sehr viele Gene bestimmte Eigenschaften. Und deren Allele ergänzen sich additiv in ihren Eigenschaften. Es gibt also nicht das eine dominante Leistungs-Gen, das nur übertragen werden muß, damit der Nachfahre ein As wird.

Zu aller erst hat ein Top-Vererber ein besonders hohes Anreicherungsniveau an "guten" Genen in seinem Genom erreicht. Doch zusätzlich, es gibt hierbei zwei wichtige Aspekte zu beleuchten:

1. Die Kopplung von Genen. Bei der Meiose (der Reifung der Keimzellen) werden zwar die Chromosomen von Mutter und Vater gemischt und jeweils zur Hälfte auf die Keimzellen verteilt, aber die einzelnen Chromosomenfäden (40 von der Mutter und 40 vom Vater) bleiben jeweils dabei ganz! Das heißt: Wenn auf einem Chromosom des Vaters bereits sehr viele "gute" Gene für eine bestimmte Eigenschaft vorhanden sind, werden diese am Stück auf die Nachkommenschaft vererbt. Man spricht in diesem Falle auch von der KOPPLUNG dieser Gene. Das heißt jedes zweites Jungtier und wiederum jedes zweite Jungtier dieser Jungtiere, erhält den gesamten Block "guter" Gene vererbt. Die Kopplung wichtiger Gene ist also eine Erklärung für mache besonders guten Vererber über Generationen hinweg. (Gekoppelte Gene widersprechen übrigens der Unabhängigkeitsregel von Mendel)

Bei bestimmten Zuchtpaaren können auch einmal sehr selten Kopplungen zwischen qualitativen Eigenschaften (z.B. Gefiederfarbe) und Leistungseigenschaften auftreten, wenn z.B. das Allel für die Gefiederfarbe zufällig auch auf dem Chromosomenstrang sitzt, auf dem die vielen leistungsbegünstigenden Gene sitzen, und alle gemeinsam auf die Jungen übertragen werden. Wie gesagt, eine solche Kopplung ist ein absoluter Zufall und kann und darf nicht verallgemeinert werden. Nur weil bei den Jungtauben aus einem bestimmten Paar z.B. die "schmierig blauen" am besten fliegen, gilt dies nicht für alle "schmierig blauen" Tauben! Tritt sie auf, ist sie natürlich ein Glücksfall, da sie Hinweise für die Selektion gibt.

Ergänzend zur Kopplung muß man jedoch auch erwähnen, dass sich in seltenen Fällen während der Meiose der väterliche und der mütterliche Chromosomenfaden überkreuzen können und dann ein Teilabschnitt zwischen diesen beiden Chromosomen ausgetauscht werden kann. Man spricht hier vom CROSSING OVER. Das Crossing Over kann der Grund sein, warum dieser mit "guten" Genen beladene Chromosomenstrang des Topvererbers überhaupt entstanden ist. Es kann aber auch der Grund dafür sein, warum dieser Strang sich wieder "zerlegt", so dass die Nachzucht nicht mehr alle Top-Gene am Stück erbt.

2. Die Homozygotie: Ich hatte die Begriffe homozygot und heterozygot im Teil 3 erläutert. Wenn für ein Gen sowohl auf dem väterlichen, wie auch auf dem mütterlichen Chromosomenstrang das gleiche Allel existiert, nennt man dies reinerbig bzw. homozygot. Ein homozygot vorliegendes Gen wird gesichert auf die Kinder übertragen, da in allen Keimzellen des Elterntieres dieses eine Allel vorhanden ist. Wenn wir uns von der Betrachtung einzelner Gene lösen, und das gesamte Genom betrachten, stellt sich die Frage wie oft Gene homozygot auftreten. Sprich wie hoch ist der HOMOZYGOTIEGRAD des Ergutes dieses Tieres? Denn je höher der Homozygotiegrad des Genoms ist, desto sicherer werden einzelne Eigenschaften des Tieres auf seine Nachkommen vererbt! Ein Top-Vererber könnte seine aussergewöhliche Fähigkeit auch einem hohen Homozygotiegrad insbesondere bei den "guten" Genen zu verdanken haben. Dieser stellt dann sicher, dass ein Großteil seiner "guten" Gene auf die Kinder übergeht.

Das am meisten genutzte Werkzeug zum Erhöhen des Homozygotiegrades in der Zucht ist die Inzucht. Dies ist ein besonderes Thema, und daher werde ich es im Teil 9 gesondert erläutern.

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